Freitag, 29. März 2013

So arbeiten Schriftsteller: Marcel Proust

In meiner Reihe So arbeiten Schriftsteller weise ich in loser Folge auf Internetfunde hin, die den Schreibprozess berühmter Autoren abbilden. Oder genauer: den Überarbeitungsprozess. Denn der Blick auf Originalmanuskripte, in diesem Fall auf zwei Seiten aus dem Notizbuch von Marcel Proust, zeigt, dass auch bzw. gerade solche Könner die oft gehörte, weil wahre, Feststellung beherzigen: Writing is re-writing.

Ich denke die Verfasserin des Begleitartikels, Rebecca J. Rosen, hat eine gute Erklärung dafür gefunden, warum solche Originalmanuskripte uns (oder zumindest mich) so faszinieren:
We are not used to seeing the trail of the hard work that goes into making a beautiful book or essay...
Das Ausmaß dieser "harten Arbeit" beeindruckt mich ein ums andere Mal - und es ermahnt uns, uns bei unseren eigenen Texten nicht zu schnell zufrieden zu geben.

Mittwoch, 27. März 2013

Wissenschaftler, verzichtet auf Jargon!

In einem Artikel über den Mathematiker, Statistiker und, ja, Zauberkünstler Persi Diaconis fand ich folgende Passage:
Diaconis is also a matchmaker, bridging different academic fields. ... In March he brought [chemistry Professor] Andersen and [mathematics Professor] Yau together for lunch. Sure enough, chatting face-to-face about their research for the first time, the two discovered they were working on overlapping problems. But mathematicians and chemists use different terms to describe the same concept, which makes cross-disciplinary conversations difficult.
Die Hervorhebung stammt von mir. Wer also fachspezifische Begriffe verwendet, erschwert die Zusammenarbeit mit Kollegen aus anderen Bereichen. Andersen und Yau hatten Glück, weil Diaconis die Gemeinsamkeiten in ihren Arbeiten erkannte. Das liegt vermutlich daran, dass er, vielleicht aufgrund seines ungewöhnlichen Lebensweges und seiner ungewöhnlichen Interessen, besonders aufgeschlossen und neugierig ist.

Die Botschaft lautet jedenfalls: Sich möglichst klar und ohne Fachjargon auszudrücken - schriftlich und mündlich - erleichter die interdisziplinäre Zusammenarbeit oder erlaubt vielleicht sogar, dass es überhaupt dazu kommen kann.

Einen weiteren Beleg dafür finden Sie in einem früheren Post: Wissenschaftler, verzichtet auf Fachchinesisch!

Freitag, 15. März 2013

Neue Kurzgeschichten im Guardian

Der Guardian offeriert wieder einmal eine Reihe von Kurzgeschichten. Das Thema in diesem Jahr: Wasser. Die erste (und kostenlose) Geschichte stammt von AS Byatt und hat den Titel Sea Story.

Falls Sie selbst Lust bekommen, zur Feder oder zur Tastatur zu greifen, möchte ich Sie noch auf folgende Angebote von mir hinweisen:

meine Postreihe Kurzgeschichten schreiben

meine drei Beiträge bei akademie.de zum selben Thema

und mein E-Büchlein, das aus der Postreihe hervogegangen ist:


Sie haben kein Kindle-Gerät? Macht nichts. Es gibt kostenlose Kindle Lese-Apps für PC, iPad, iPhone und iPod touch (benutze ich), Android und Mac.

Donnerstag, 7. März 2013

Über Schwieriges einfach schreiben: 2. Zahlen und Einheiten

Ich schreibe gerade einen Artikel darüber, wie der Tod eines Bruders oder einer Schwester sich auf erwachsene Hinterbliebene auswirkt.
In der Veröffentlichung heißt es dazu:
An elevated rate [from myocardial infarction] some years after bereavement was found among both women (during the fourth to sixth half‐years after the death) and men (during the second to sixth half‐years after the death) ...
Die Pressemitteilung macht daraus:
Increased risk of death from heart attack was four to six and a half years after the death of a sibling among women and two to six and a half years after among men.
(Hervorhebungen von mir.)
Richtig ist also, wenn wir die Frauen als Beispiel nehmen: ab 1,5 Jahren (fourth half-year) bis zu 3 Jahren (sixth half-years) nach dem Tod eines Geschwisters. Falsch steht es in der Pressemitteilung: 4 bis 6,5 Jahre. Was ein ziemlicher Unterschied ist.
Bemerkt habe auch ich das erst, als ich in der Veröffentlichung las:
...there was no pronounced mortality increase ≥3 years after a sibling’s death.  
Dazu fällt mir zweierlei ein:
- Hoffentlich haben meine Journalistenkollegen nicht nur die Pressemitteilung gelesen, sondern auch die Originalarbeit, ehe sie sich ans Artikelschreiben machten.
- Ein Teil der Schuld trifft eindeutig die Autoren der Veröffentlichung - und damit bin ich endlich beim Thema.
Durch ihre komplizierten, unüblichen Formulierungen (wer, bitte, gibt Zeiträume in halben Jahren an?) machen sie es den Lesern unnötig schwer, die Fakten zu verstehen.
Wie ich Wissenschaftlern in meinen Kursen immer wieder predige: Sie müssen damit rechnen, dass jemand in Eile ist oder einen Text aus anderen Gründen nicht mit 100-%iger Aufmerksamkeit liest. Nicht nur, aber auch darum sollten Sie es den Lesern so leicht wie möglich machen.
In diesem Beispiel heißt das: Geben Sie einen Zeitraum in (von 1,5 bis 3) Jahren an, nicht in (während  den 4. bis 6.) Halbjahren. "Während" ist außerdem schwieriger zu verstehen als "von ... bis".

Ein anderes Beispiel, das ich gerne zitiere:
Der Altersgipfel der Erstmanifestation liegt in der zweiten und dritten Lebensdekade
Wer fängt da nicht an zu rechnen? Tatsächlich geht es um das Alter zwischen 10 und 30 Jahren.(Altersgipfel und Erstmanifestation sind ebenfalls zu kompliziert, aber mir geht es heute primär um Zahlen bzw. Einheiten.)
Also, bitte, liebe Wissenschaftler: Wenn ihr wollt, dass die Menschen verstehen, was ihr schreibt: Sagt es einfach. Genauer: Benutzt übliche Einheiten wie Jahre und nicht ungebräuchliche wie Halbjahre oder Dekaden.