Samstag, 27. Juli 2013

Verwirrende Aufzählungen

Manchmal begegnet mir in freier Wildbahn ein stilistisches Problem, mit dem ich es bis dahin noch nicht zu hatte, ja, dessen Existenz mir unbekannt war.

Vielleicht ist es selten, vielleicht ist auch nur nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Um ein solches Problem geht es heute. Es stammt aus der Welt des Steuerrechts, einem Gebiet, das viele Herausfoderungen und Übungsmöglichkeiten bietet, wenn man versuchen möchte, über Schwieriges einfach zu schreiben.

Hier ist der betreffende Satz in etwas vereinfachter Form:

Mit diesem BMBF-Schreiben wurden für „Ehegatten-Fälle“ die Regelungen zum Erstattungsanspruch bei der Einkommenssteuer und zur Erstattungsberichtigung und Reihenfolge der Anrechnung von Steuerabzugsbeträgen und Vorauszahlungen auf die Einkommenssteuer in Nachzahlungsfällen ergänzt.

Alles klar?

Zunächst fallen uns drei Feld-Wald-und-Wiesen-Probleme auf:

- das Passiv,

- die Satzlänge (30 Wörter bzw. 282 Zeichen inkl. Leerzeichen),

- die vielen Substantive (12 und nur ein Verb plus ein Hilfsverb).

Schaut man genau hin, entdeckt man jedoch noch einen weiteren Faktor, der das Verständnis erschwert. Es ist die Aufzählung der verschiedenen Punkte:

Mit diesem BMBF-Schreiben wurden für „Ehegatten-Fälle“ die Regelungen zum Erstattungsanspruch bei der Einkommenssteuer und zur Erstattungsberichtigung und Reihenfolge der Anrechnung von Steuerabzugsbeträgen und Vorauszahlungen auf die Einkommenssteuer in Nachzahlungsfällen ergänzt.

Dabei handelt es sich nicht um eine einfache Aufzählung, die gleichrangige Dinge verbindet, wie in:

Ich kaufe einen Liter Milch und drei Bananen und ein Kilo Tomaten und eine Tageszeitung.

Wenn wir genau hinschauen, sehen wir, dass jedes "und" auf einer anderen Ebene angesiedelt ist.  

Mit diesem BMBF-Schreiben wurden für „Ehegatten-Fälle“ die Regelungen zum Erstattungsanspruch bei der Einkommenssteuer und((1)) zur Erstattungsberichtigung und Reihenfolge der Anrechnung von Steuerabzugsbeträgen und Vorauszahlungen auf die Einkommenssteuer in Nachzahlungsfällen ergänzt. 

Mit diesem BMBF-Schreiben wurden für „Ehegatten-Fälle“ die Regelungen zum Erstattungsanspruch bei der Einkommenssteuer und zur Erstattungsberichtigung und((2)) Reihenfolge der Anrechnung von Steuerabzugsbeträgen und Vorauszahlungen auf die Einkommenssteuer in Nachzahlungsfällen ergänzt. 

Mit diesem BMBF-Schreiben wurden für „Ehegatten-Fälle“ die Regelungen zum Erstattungsanspruch bei der Einkommenssteuer und zur Erstattungsberichtigung und Reihenfolge der Anrechnung von Steuerabzugsbeträgen und((3)) Vorauszahlungen auf die Einkommenssteuer in Nachzahlungsfällen ergänzt.   

Ich weiß, das Ganze sieht sehr kompliziert aus. Zu kompliziert, selbst für Leser, die vom Steuerrecht mehr verstehen als ich, finde ich. Schauen wir uns einmal an, wie ich den Satz umformuliert habe. Vielleicht wird dann einiges klarer:

Dieses BMBF-Schreiben ergänzt verschiedene Regelungen für „Ehegatten-Fälle“. Und zwar erstens zum Erstattungsanspruch bei der Einkommenssteuer und zweitens zur Erstattungsberichtigung in Nachzahlungsfällen sowie dazu, in welcher Reihenfolge dabei Steuerabzugsbeträge und Vorauszahlungen auf die Einkommenssteuer anzurechnen sind.

Was habe ich getan? Zunächst einmal habe ich das Passiv ins Aktiv umgewandelt: "wurden ... ergänzt" wird zu "ergänzt".

Dann habe ich den langen Satz unterteilt und die Aufzählungen ausgelagert. Das ist immer eine gute Idee und gelingt mit Hilfe von Formulierungen wie "verschiedene Regelungen. Und zwar ...". Dass der zweite Satz nicht vollständig ist -- es fehlen Subjekt und Prädikat -- stört mich nicht.

Dieses BMBF-Schreiben ergänzt verschiedene Regelungen für „Ehegatten-Fälle“. Und zwar erstens zum Erstattungsanspruch ...

Wer es grammatikalisch einwandfrei haben möchte, kann zum Beispiel einen Doppelpunkt setzen und schreiben:

Dieses BMBF-Schreiben ergänzt verschiedene Regelungen für „Ehegatten-Fälle“: erstens zum Erstattungsanspruch ...

Kommen wir zum zweiten Satz. Hier habe ich "Anrechnung" in "anzurechnen sind" umgewandelt, also eines der vielen Substantive in ein Verb. 

Und zwar erstens zum Erstattungsanspruch bei der Einkommenssteuer und zweitens zur Erstattungsberichtigung in Nachzahlungsfällen sowie dazu, in welcher Reihenfolge dabei Steuerabzugsbeträge und Vorauszahlungen auf die Einkommenssteuer anzurechnen sind. 

Die drei Feld-Wald-und-Wiesen-Probleme sind damit gelöst. (So weit es möglich ist. Die verschiedenen rechtlichen Fachbegriffe lassen sich leider nicht in Verben umwandeln.) 

Kommen wir zu der Aufzählung, die sich über drei Ebenen erstreckt. Haben Sie bemerkt, wie ich verdeutlicht habe, wo wir uns gerade befinden? Ich habe die erste Ebene durch "erstens ... zweitens" gekennzeichnet, die zweite, indem ich statt "und" "sowie" verwendet habe, und für die dritte genügte dann ein einfaches "und".

Und zwar erstens zum Erstattungsanspruch bei der Einkommenssteuer und zweitens zur Erstattungsberichtigung in Nachzahlungsfällen sowie dazu, in welcher Reihenfolge dabei Steuerabzugsbeträge und Vorauszahlungen auf die Einkommenssteuer anzurechnen sind.

Zum Schluss die beiden Versionen im Vergleich.

Vorher:

Mit diesem BMBF-Schreiben wurden für „Ehegatten-Fälle“ die Regelungen zum Erstattungsanspruch bei der Einkommenssteuer und zur Erstattungsberichtigung und Reihenfolge der Anrechnung von Steuerabzugsbeträgen und Vorauszahlungen auf die Einkommenssteuer in Nachzahlungsfällen ergänzt.

Nachher:

Dieses BMBF-Schreiben ergänzt verschiedene Regelungen für „Ehegatten-Fälle“. Und zwar erstens zum Erstattungsanspruch bei der Einkommenssteuer und zweitens zur Erstattungsberichtigung in Nachzahlungsfällen sowie dazu, in welcher Reihenfolge dabei Steuerabzugsbeträge und Vorauszahlungen auf die Einkommenssteuer anzurechnen sind.

Ich hoffe, ich habe alles richtig "übersetzt". Auch die zweite Version muss man konzentriert lesen, um die Zusammenhänge zu verstehen. Ich denke aber, dies bereitet deutlich weniger Mühe als bei Version Nr. 1. 

Man könnte noch weiter gehen und die neue, strukturiertere Version als Ausgangspunkt nehmen, um das Ganze weniger dicht in mehreren Sätzen ausführlicher darzustellen. Aber dieser Post ist nun wirklich schon lang genug.

Allen, die bis hierhin durchgehalten haben, danke ich für ihre Geduld ;-)

Über Schwieriges einfach(er) zu schreiben, macht etwas Arbeit, aber es ist möglich. Wer auf den Geschmack gekommen ist, findet weitere Beispiele und Tipps in meinen Büchern Über Schwieriges einfach schreiben und Besser schreiben im Alltag, in Schule, Studium und Beruf sowie in dem Doppelband, der aus den beiden hervorgegangen ist und der auch als Printausgabe erhältlich ist:


In diesem Fall empfehle ich ausnahmsweise einmal die Printausgabe, und zwar aus folgendem Grund: Weil ich mit so vielen Beispielen arbeite, habe ich versucht, diese vom übrigen Text abzusetzen, um Ihnen, den Lesern, das Leben zu erleichtern.

Im E-Book geschieht das, je nach Reader, durch eine andere Farbe (Blau) oder durch eine Grauabstufung bei Geräten, die keine Farben darstellen. Letztere ist jedoch nicht in jedem Reader/in jeder App zu erkennen. Im gedruckten Buch sieht man den Unterschied sehr gut. Leider konnte ich keine Lösung finden, die in allen System: Amazon, Android, Apple und dort in den verschiedenen Ausformungen (etwas iPhone und iPad) gleich gut funktioniert. Und ich habe es versucht.

Natürlich können Sie sich auch einfach eine Leseprobe des E-Books schicken lassen und sich anschauen, ob die darstelluing auf Ihrem Gerät gut gelingt.

Donnerstag, 18. Juli 2013

Mein Mittel gegen Buchschreib-Aufschieberitis

Mein Hauptbeschäftigung ist das Schreiben. Ob als Journalistin, Buchautorin oder Bloggerin. Nicht immer bin ich, nennen wir es einmal so, "ausreichend motiviert". Manche würden es dramatisch als Schreibblockade bezeichnen, andere, zu denen ich gehöre, nennen dieses Phänomen Prokrastinieren, zu Deutsch: Aufschieberitis.

Plötzlich erscheint alles, selbst Wäsche zu waschen, interessanter, als mit dem Schreiben eines Artikels zu beginnen oder aber diesen endlich fertigzustellen. Von anderen, neueren Projekten, die meine Aufmerksamkeit verlangen, ganz zu schweigen.

Durch Zufall entdeckte ich ein Mittel, das mir hilft, speziell Bücher, die ich selbst veröffentlichen möchte, zügig zu beenden. Ich kaufe das Cover, bevor der Text fertig ist. Hier habe ich über einen solchen Kauf geschrieben. Knapp zwei Monate später war das Buch -- Über Schwieriges einfach schreiben -- veröffentlicht, s. dieser Post.

Das mag langsam klingen. Wenn man jedoch bedenkt, dass ich den Mai dafür vorgesehen hatte, das Buch zu schreiben und bei Amazon hochzuladen, und dass ich immer an mehreren Dingen arbeite, zum Beispiel an Artikeln für Zeitschriften und an Workshops, die mir die Miete sichern, dann finde ich das gar nicht schlecht. 

Für August und September habe ich zwei weitere Büchlein eingeplant. Diese beiden sollen auf Artikeln basieren, die ich ursprünglich für Bild der Wissenschaft geschrieben habe. Jetzt muss ich die Texte erweitern und aktualisieren und alles in ein für E-Books geeignetes Format bringen.

Um mich zu motivieren, habe ich gerade -- erraten -- die Cover erstanden. Hier sind sie:



Designt hat die Cover, wie schon einige zuvor, die unvergleichliche Joleene Naylor.

Und jetzt wäre es ja zu schade, wenn ich die Cover nicht auch nutzen würde. Vor allem, nachdem ich hier auch noch darüber gebloggt habe ...

Ich gebe zu, dieser Schreibtipp:

Kaufen Sie das Cover schon, ehe das Buch fertig ist.

eignet sich nur für Self-Publisher. Aber von denen soll es ja immer mehr geben.

Weitere Tipps enthält dieses Büchlein:

Nach den Amazon-Rezensionen zu urteilen, kommen meine Tipps aus der Praxis für die Praxis bei den LeserInnen gut an :-)