Dienstag, 30. Dezember 2014

Ein kurzer Satz -- und doch drei Probleme

Lange Sätze sind oft schwer lesbar. Vor ein paar Tagen stieß ich jedoch auf ein Exemplar, das zwar angenehm kurz war, aber trotzdem merkwürdig hölzern klang.

Ich habe den Satz leicht abgeändert, damit er sich auch aus dem Zusammenhang gerissen verstehen lässt:
In Opernhäusern arbeitet traditionell eine internationale Belegschaft aus vielen Nationen. 
Ein Problem fiel mir sofort auf, vermutlich weil mein Blick für diese Dinge geschärft ist, nämlich ein typischer Fall von doppelt gemoppelt:
In Opernhäusern arbeitet traditionell eine internationale Belegschaft aus vielen Nationen.
Wir streichen flink, zum Beispiel so:
In Opernhäusern arbeitet traditionell eine internationale Belegschaft aus vielen Nationen.
In Opernhäusern arbeitet traditionell eine Belegschaft aus vielen Nationen.
Warum ich international gestrichen habe und nicht das längere aus vielen Nationen? Weil ich schon das nächste Problem ins Auge gefasst habe. Hand aufs Herz: Wie oft verwenden Sie im Alltag das Wort Belegschaft? Nie? Kein Wunder. Es ist sperrig, gestelzt, abstrakt. Schreiben wir doch lieber Menschen. Dass es sich um Beschäftigte handelt, sagt bereits das Verb arbeiten. Aha! Die Belegschaft arbeitet ist hier im Grunde ebenfalls doppelt gemoppelt.
In Opernhäusern arbeitet traditionell eine Belegschaft aus vielen Nationen.
In Opernhäusern arbeiten traditionell Menschen aus vielen Nationen.
Etwas stört mich immer noch, und zwar das Fremdwort traditionell. Es ist zwar nicht schwer verständlich, aber lang und nicht ganz einfach auszusprechen und damit auch nicht ganz leicht zu lesen.
In Opernhäusern arbeiten traditionell Menschen aus vielen Nationen.
In Opernhäusern arbeiten Menschen aus vielen Nationen.
Ich habe traditionell gestrichen, obwohl es dem Satz etwas Information hinzufügt. Die jedoch, behaupte ich, unwichtig ist. Denn jeder weiß, dass an Opernhäusern nicht erst seit heute Menschen aus anderen Ländern beschäftigt sind.

Hier noch einmal der Vergleich.

Vorher (verklausuliert):
In Opernhäusern arbeitet traditionell eine internationale Belegschaft aus vielen Nationen.
Nacher (schlicht und schön):
In Opernhäusern arbeiten Menschen aus vielen Nationen.
Nun könnte man aus Nationen noch Länder machen, aber für mein Gefühl klingt der Satz gut so, wie er ist. Merke: Was als guter Schreibstil gilt, ist teilweise subjektiv. Und auch beim Geschriebenen spielt der Klang (den wir beim Lesen in unserem Kopf hören) eine wichtige Rolle.

Weitere Beispiele dieser Art finden Sie hier im Blog sowie in meinem Büchlein


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Montag, 1. Dezember 2014

Kurzgeschichten schreiben: Den (richtigen) Anfang finden

Bei allem, was wir schreiben, ist der Anfang besonders wichtig, denn er muss Leser ermutigen oder verführen, dem Text eine Chance zu geben und nicht wegzuklicken, weiterzublättern oder das Buch beiseitezulegen und sich einer anderen Geschichte, dem Fernsehprogramm oder Facebook zuzuwenden.

Bei einem Roman, vielleicht von einem Autor, den wir lieben, sind wir vermutlich bereit, uns auch einmal durch einige Seiten hindurchzukämpfen. Eine Kurzgeschichte muss potentielle Leser jedoch schneller packen. Im Idealfall mit dem ersten Satz. Darüber habe ich vor einiger Zeit hier im Blog bereits etwas gepostet: Kurzgeschichten schreiben (Teil 4): Der Anfang.

Jetzt habe ich einen Artikel entdeckt, der sich dazu eignet, uns auf die Sprünge zu helfen, wenn uns einmal gar nichts einfallen will. Die Autorin, Charlie Jane Anders, ordnet mögliche erste Sätze nämlich in unterschiedliche Kategorien ein, die als Inspiration dienen können. Ihr Beitrag trägt zwar den Titel How To Create A Killer Opening For Your Science Fiction Short Story, kann jedoch auch im Hinblick auf andere Kurzgeschichten Ideen liefern. Hilfreich ist außerdem, dass Anders jeweils die Vor- und Nachteile nennt beziehungsweise die Situationen, in denen sich ein solcher Beginn eignet oder auch nicht.

Mir persönlich gefallen Anfänge gut, die ein Rätsel aufgeben oder auf einen Konflikt hindeuten, weil sie uns eher neugierig machen als zum Beispiel die Beschreibung der Szenerie. Aber letztlich kommt es auf die jeweilige Geschichte an und das Geschick des Autors. Ein Stück weit ist es auch Geschmacksache. Lesen Sie am besten selbst: How To Create A Killer Opening For Your Science Fiction Short Story.

Wer sich noch weiter mit dem Thema Kurzgeschichten schreiben beschäftigen möchte, dem empfehle ich mein Büchlein

Freitag, 21. November 2014

Schreibblockaden: Was Journalisten dagegen tun

Heute gibt's mal wieder einen Linktipp. Bei Poynter hat Butch Ward zusammengetragen, was 14 Journalisten tun, wenn der Schreibfluss ins Stocken gerät: Got writer's block?

Mittwoch, 12. November 2014

Cory Doctorow über Writer's Block

In einem Artikel, in dem es eigentlich um Amanda Palmers neues Buch The Art of Asking geht, schildert Cory Doctorow sehr anschaulich seine eigenen Schreibblockaden und wie er sie überwindet:
For many years, I was plagued by writer's block which is best understood as the crippling fear that the words you write when you aren't "inspired" will be bad words, unworthy and irremediable words. For five terrible years in my twenties, I didn't finish a single story, though I started dozens. Eventually, with a lot of hard work, I came to realise that though when I wrote, I felt that I was either writing "good" words or "bad" words, that six months after the fact, I couldn't tell the difference. That the self-doubt and fear I felt when I was writing bad had more to do with things like my blood-sugar levels and the state of my romantic life and finances than it did with the words themselves.

I still feel that fear. It is terrible and immiserating. I'm in the last month of writing on the first draft of a 180,000 word novel, a monstrous beast that is far too large for me to hold it all conscious memory, that I can only navigate through intuition and informed guesswork. Every day, five days a week, I write one thousand new words on this book, and every day, I finish this task in dead certainty that I am destroying this book, writing unsalvageable dreck that will spoil a novel that I was so excited and hopeful about last March.

But I write on, not because I don't feel the fear, but because I have mastered it. Bravery isn't fearlessness: it is preserverence in the face of fear.
Besser kann man es, finde ich, nicht sagen. Diese Passage beschreibt meine eigenen Erfahrungen sehr treffend -- und vermutlich auch die von vielen anderen.



Sonntag, 9. November 2014

Romanfiguren: Eine zu detaillierte Vorgeschichte schränkt ein

Ich entwerfe die Vorgeschichte meiner Charaktere vor dem Schreiben nur ganz grob, denn oft ergeben sich beim Entwerfen der Story aus den Handlungen oder den Motiven für diese neue, unerwartete Facetten. Erst dann stellt sich heraus, dass zum Beispiel Geschehnisse in der Vergangenheit oder ein Konflikt mit der Mutter eine Figur das tun lassen, was sie tut.

Daran wurde ich erinnert, als ich ein Interview mit der Drehbuchautorin Barbara Hall las (Judging Amy und Madam Secretary). Hier die Antwort, die sie auf eine entsprechende Frage gab:
I don't have a deep bible [Serienbibel] because I don't like to hold myself to that. One of the best things about doing a TV series is the fact that you can let it evolve and it lives and breathes. What happens is you discover your strengths and weaknesses, and you see how actors are together, and you see how their characters develop. I don't want to limit myself to something that's planned too far in advance. I like to let it have a life of its own. 
Aaron Sorkin hat vor Jahren einmal etwas Ähnliches gesagt, in Bezug auf President Bartlet (und dessen Kindheit) in seiner Serie The West Wing. Leider finde ich das Interview/den Artikel nicht mehr ...

PS: Kurz darauf entdeckte ich übrigens auf derselben Website eine Gegenstimme. Theodore Melfi meint in dem betreffenden Interview
I also do a thing called 50 questions, which is an old acting exercise. What you do is you take each character and you answer fifty questions on their life before you start writing a word about them. This is what actors do ... It’s a lot of work. It’s like, where were you born, what do your parents do for a living, what makes you laugh, what makes you cry. Fifty questions on every single character.
...You occasionally have to be flexible. Occasionally you go, “Well, it doesn’t work that he was born in Springfield, Missouri, he really needed to be born here” and you just change it. The fifty questions is just a thing to spur your creativity and give you a general understanding of each character. It’s actually best for writing their dialogue because you know their fabric. ... You know, he wouldn’t do that because he was actually a war vet… You do have amendments that you have to make all along the way because that’s just the process of it.
...what’s the biggest problem as writers we face all the time? Every character sounds the same. Right?
...So if you do the 50 questions, you will have a reality for each character. They won’t talk the same way because you have simply absorbed who they are into your subconscious. 
Man beachte, dass es "eine Menge Arbeit" ist und Melfi sich im Zweifelsfall nicht an die Vorgaben gebunden fühlt.

Fazit: Jeder Autor ist anders und jede (Schreib)Situation möglicherweise auch. Ich denke, wie so oft geht Probieren über Studieren.

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Ein kurzer Satz -- und doch zwei Probleme

Ähnlich wie in meinem Buch Über Schwieriges einfach schreiben analysiere und redigiere ich hier im Blog hin und wieder Sätze, um einfache Schreibregeln zu veranschaulichen und Lösungen für Probleme vorzuschlagen.

Der folgende Satz begegnete mir gerade in einem Tagungsband. Ich habe ihn leicht abgeändert, damit er ohne den übrigen Text drumherum verständlich ist:
Diese Unterrichtsmethode kann sowohl im Schulbereich als auch im Hochschulbereich angewendet werden. 
Hier habe ich die Problembereiche gekennzeichnet:
Diese Unterrichtsmethode kann sowohl im Schulbereich als auch im Hochschulbereich angewendet werden
Können plus Passiv können Sie umwandeln in eine Formulierung mit sich lassen plus Infinitiv. Das klingt weniger verquast und ist deshalb besser lesbar. (Der Infinitv ist die Grundform des Verbs).

Dann streichen wir zweimal bereich, denn es ist überflüssig und macht die Wörter unnötig lang und sperrig. Voilà:
Diese Unterrichtsmethode lässt sich sowohl in Schulen als auch in Hochschulen anwenden. 
Bastian Sick (Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod) hat über die Unart, an alles Mögliche -bereich anzuhängen, eine lesenswerte Glosse geschrieben: Man trifft sich im Abendbereich.

Falls Sie die Wiederholung von Schulen stört (ich finde sie nicht so schlimm), können Sie auch schreiben:
Diese Unterrichtsmethode lässt sich sowohl in Schulen als auch in Universitäten anwenden. 

Weitere Beispiele dieser Art finden Sie, wie gesagt, in meinem Büchlein

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Montag, 29. September 2014

"Aktiv" - ein beliebtes Füllwort

Um die Herausforderungen der digitalen Welt zu verstehen, muss man sich aktiv mit den Möglichkeiten digitaler Medien beschäftigen. 

Mit leckeren Gerichten den Cholesterinspiegel aktiv senken 

Solche Sätze und Überschriften lese ich in letzter Zeit häufig.

Und was man nicht alles aktiv unterstützen kann oder soll (einfach mal googeln): den Tierschutz, den Fellwechsel, Musikschulen, die Krebstherapie, Qualitätsmanagement und den Friedensdialog in Kolumbien, um nur einige -- sicher allesamt sinnvolle -- Dinge zu nennen

Ich frage mich immer: Warum muss man erwähnen, dass diese Handlungen aktiv erfolgen? Wenn ich etwas tue, bin ich dann nicht automatisch aktiv?

Aktiv explizit zu nennen, ergibt nur einen Sinn, wenn dem etwas Passives gegenübersteht: bei aktiven und passiven Mitgliedschaften zum Beispiel oder ebensolchen Impfungen.

Ich weiß, aktiv signalisiert scheinbar Tatkraft. Doch es verhält sich mit diesem Adverb so ähnlich wie mit dem Wort erfolgreich, über das ich schon gebloggt habe: Ändert sich der Sinn eines Satzes nicht, wenn Sie es weglassen, dann streichen Sie es. Und beobachten Sie, wie dies Ihre Aussage wider Erwarten stärkt.

Montag, 22. September 2014

MOOC-Tipp: English Grammar and Style

Heute startet der MOOC (Massive Open Online Course) English Grammar and Style der University of Queensland, Australia. Ich weiß nicht, wie es wird und ob ich Zeit habe, ernsthaft teilzunehmen. Ich werde auf alle Fälle einmal die ersten Videos anschauen und wenn mir gefällt, was ich sehe, werde ich vielleicht intensiver mitmachen.

Darum geht's:
Learn how to use a knowledge of how words work to write in the style that readers value and that the university and the professions require.

About this Course
In the time-starved Internet world, where everyone’s a writer and everyone’s a reader, the demand for literacy is more intense than it has ever been. The ability to articulate ideas in smart, tight writing is crucial. Write101x will enable you to learn how words work so that you can write the concise, lucid, nuanced, and compelling prose that is so valued by readers. By providing you with a thorough grounding in grammar, syntax, and style, the course will sharpen and solidify your writing and editing competence and self-confidence. 
Wer wie ich manchmal auf Englisch schreibt (und unterrichtet), profitiert sicher von einem solchen Kurs. Vielleicht bekommt man sogar Tipps für einen besseren Schreibstil, die sich auch im Deutschen anwenden lassen. Wir werden sehen ...

Wer jetzt neugierig ist, bitte hier lang:  English Grammar and Style

Mittwoch, 17. September 2014

Beispiel für eine gute Einleitung (Wissenschaftliches Schreiben)

Ich unterrichte nicht nur verständliches Schreiben für Wissenschaftler und andere Experten. Ich gebe auch Kurse für wissenschaftliches Schreiben für Studenten. Ein Hauptaspekt ist dabei der Aufbau einer (naturwissenschaftlichen) Veröffentlichung.

Andererseits arbeite ich auch als Wissenschaftsjournalistin und lese im Zuge meiner Recherchen eine Menge Veröffentlichungen. Jetzt ist es mir zum ersten Mal passiert, dass ich etwas gefunden habe, das sich so sehr als gutes Beispiel für meinen Kurs eignet, dass es mir sofort aufgefallen ist. Obwohl mich ja eigentlich ganz andere Dinge beschäftigten.

Entdeckt habe ich es in dieser Veröffentlichung aus Israel: Posttraumatic Growth and Posttraumatic Distress: A Longitudinal Study (der Link führt direkt zum PDF). Geschrieben haben den Artikel Sharon Dekel, Tsachi Ein-Dor und Zahava Solomon.

Was mir so überaus gut gefällt, ist der Aufbau der Einleitung (Introduction). Lesen Sie selbst:
There are two seemingly opposing notions concerning the ramifications of trauma. The first, which is widely held, postulates that trauma has a pathogenic effect. Traumatic events jeopardize physical and psychological equilibrium giving rise to a wide range of physical and mental health complications. A considerable body of empirical research lends support to this view, documenting increased rates of posttraumatic stress disorder (PTSD), depression, anxiety, somatization, and alcoholism (e.g., Breslau, Davis, Andreski, & Peterson, 1991; Kessler, Sonnega, Bromet, & Hughes, 1995).

An alternative perspective proposes that trauma has a salutogenic effect. Individuals can develop a positive outlook and further experience positive psychological changes in the wake of traumatic events (e.g., Tedeschi & Calhoun, 2004). In line with currently prevalent positive psychology theory (Seligman & Csikszentmihalyi, 2000) and earlier salutogenic models (Antonovsky, 1979), survivors may gain psychological benefits. The commonly held term, posttraumatic growth (PTG), (Tedeschi & Calhoun, 1996) signifies that the individual has transformed in new ways that go beyond his or her pretrauma level of psychological functioning. This entails increase in personal strength, relational intimacy, sense of spirituality, appreciation of life, and life possibilities. Not undermining the pathogenic impact of trauma, recently, a growing body of studies has consistently revealed PTG reported by survivors following various physical and psychological traumas (see Calhoun & Tedeschi, 2006; Linley & Joseph, 2004, for reviews).

As both salutogenic and pathogenic trauma outcomes have been documented, an imperative issue is how they relate. While there has been a proliferation of research on the subject, as evident in a recent meta-analysis reporting 77 studies (see Helgeson et al., 2006, for a review), the relation of growth to distress is still ill-defined. The aim of this longitudinal study is to shed light on the interplay between PTG and PTSD by examining their directional (i.e., temporal) relation.
Und jetzt das Ganze im Detail. Am besten springen Sie gleich zu den Erklärungen unter diesem Text.
There are two seemingly opposing notions concerning the ramifications of trauma. The first, which is widely held, postulates that trauma has a pathogenic effect. Traumatic events jeopardize physical and psychological equilibrium giving rise to a wide range of physical and mental health complications. A considerable body of empirical research lends support to this view, documenting increased rates of posttraumatic stress disorder (PTSD), depression, anxiety, somatization, and alcoholism (e.g., Breslau, Davis, Andreski, & Peterson, 1991; Kessler, Sonnega, Bromet, & Hughes, 1995).

An alternative perspective proposes that trauma has a salutogenic effect. Individuals can develop a positive outlook and further experience positive psychological changes in the wake of traumatic events (e.g., Tedeschi & Calhoun, 2004). In line with currently prevalent positive psychology theory (Seligman & Csikszentmihalyi, 2000) and earlier salutogenic models (Antonovsky, 1979), survivors may gain psychological benefits. The commonly held term, posttraumatic growth (PTG), (Tedeschi & Calhoun, 1996) signifies that the individual has transformed in new ways that go beyond his or her pretrauma level of psychological functioning. This entails increase in personal strength, relational intimacy, sense of spirituality, appreciation of life, and life possibilities. Not undermining the pathogenic impact of trauma, recently, a growing body of studies has consistently revealed PTG reported by survivors following various physical and psychological traumas (see Calhoun & Tedeschi, 2006; Linley & Joseph, 2004, for reviews).
As both salutogenic and pathogenic trauma outcomes have been documented, an imperative issue is how they relate. While there has been a proliferation of research on the subject, as evident in a recent meta-analysis reporting 77 studies (see Helgeson et al., 2006, for a review), the relation of growth to distress is still ill-defined. The aim of this longitudinal study is to shed light on the interplay between PTG and PTSD by examining their directional (i.e., temporal) relation.
Der Aufbau und was mir daran gefällt im Einzelenen:

1. Er folgt dem klassischen Schema Was weiß man?  Was weiß man nicht? Unser Ziel.

2. Ebenfalls klassisch ist es, erst über Bekanntes, leichter Verständliches zu schreiben. Es geht vom Allgemeinen, den meisten Lesern Vertrauten (erster Absatz, PTSD), zum Speziellen, neuen (zweiter Absatz, PTG). Auch die einzelnen Absätze beginnen mit einer allgemeinen Aussage im ersten Satz (s. dazu der Punkt Thesensatz in diesem Post), auf die weitere Einzelheiten und Erklärungen folgen.

3. Die Autoren verwenden einen Trick, um das Verstehen zu erleichtern. Der erste Satz der Introduction gibt den Lesern Orientierung, indem er ankündigt, dass sie ein Gegensatz von erstens und zweitens erwartet. Was die Autoren auch explizit so bennen: The first und An alternative. Diese Wörter signalisieren gleichzeitig, wo der jeweilige (neue) Aspekt beginnt. Dadurch finden wir uns leichter zurecht.

Könnte man an der Sprache noch feilen, sie zum Beispiel hier und da vereinfachen? Sicher. Der Aufbau dieser Einleitung ist jedoch vorbildlich in seiner Kürze und Klarheit.

Mittwoch, 3. September 2014

Lassen Sie Ihre Leser nicht im Unklaren, verwenden Sie konkrete, spezifische Begriffe

Diesen Post schreibe ich ganz spontan, sozusagen aus aktuellem Anlass.

Ich arbeite im Moment an einem Artikel und lese in einem Buch, das mir als Quelle dient:
Personality characteristics, such as extraversion or openness to experience, may influence the likelihood of subsequent growth ...
Aha. Soso. Ahnen Sie, was mich stutzen lässt? Genau, das Wort "influence". Bestimmte Eigenschaften "beeinflussen" das persönliche Wachstum. Beeinflussen? Ich ahne, dass die Autoren meinen "fördern". Dass also Offenheit zum Beispiel gut ist. "Beeinflussen" kann aber auch in die entgegengesetzte Richtung wirken. Es könnte also sein, dass die genannten Charakteristika das Wachstum behindern.

Was tue ich also als gewissenhafte Journalistin? Ich muss weiterrecherchieren und vielleicht bis zur ursprünglichen wissenschaftlichen Veröffentlichung zurückgehen. Seufz.

Wäre ich eine einfache Leserin des Buchs und aufmerksam, wüsste ich nicht, was gemeint ist, und bliebe ratlos zurück. Würde ich den Text überfliegen, könnte es sein, dass ich zufällig tatsächlich verstehe, was gemeint ist. Vielleicht glaubte ich aber auch nur zu verstehen und das Gegenteil von dem, was ich mir merke, ist der Fall.

Und nur weil die Autoren ein allgemeines Verb verwendet haben, nämlich "beeinflussen", statt eines spezifischen. (Anmerkung: Manchmal ist "beeinflussen" natürlich präzise genug. Aber nicht in diesem Fall.)

Freitag, 29. August 2014

Roy Peter Clark sagt ...

Der amerikanische Schreiblehrer Roy Peter Clark hat einen wichtigen Unterschied zwischen Berichten und Geschichten auf den Punkt gebracht, und zwar in einem Tweet:
The purpose of reports is to convey information; stories are different: they create experience. Reports point u there; stories put u there

Mittwoch, 27. August 2014

Kurzgeschichten schreiben -- Videotipp

Ich habe gerade erst Wordplay entdeckt, eine Videoserie über das Schreiben von Nika Harper (der Wordplay-Link führt zur ersten Staffel).

Ich habe mir die erste Folge der zweiten Staffel angeschaut. Darin geht es um ein Thema, das auch mir am Herzen liegt: das Schreiben von Kurzgeschichten. Voilà:


Auch die weiteren Themen, die Nika zu Anfang erwähnt, klingen interessant. Ich habe ihren Youtube-Kanal abonniert und nach und nach werde ich mir sicher noch weitere Filmchen als Inspiration anschauen. Man lernt schließlich nie aus ;-)

Montag, 11. August 2014

Klischees – Nachteile und Vorteile

Einige Gedanken über Klischees, ausgelöst durch das Betrachten von Floskelwolken und das Lesen eines Artikels über Metaphern in der Medizin.

1. Die Metapher von heute ist das Klischee von morgen

Viele Floskeln, laut Duden nichtssagende Redensarten; formelhafte, leere Redewendungen, und Klischeewörter, abgegriffene Wörter, haben einmal als Metaphern angefangen. Beispielsweise der sintflutartige Regen; das grüne Licht, das jemand gibt; erdrutschartige Ereignisse; schmerzhafte Einschnitte; oder auch Menschen, die in den Startlöchern stehen oder sich zu weit aus dem Fenster lehnen.

Dafür gibt es einen guten Grund. Metaphern sind anschaulich und weil sie schwierige Vorgänge oder Zusammenhänge mit bekannten Dingen und Erfahrungen vergleichen, erleichtern sie das Verstehen. Der oben erwähnte Artikel über Metaphern in der Medizin nennt in diesem Zusammenhang eine Studie:
One study, from 2010, found that physicians use metaphors in almost two-thirds of their conversations with patients who have serious illnesses. Physicians who used more metaphors were seen as better communicators. Patients reported less trouble understanding them, and felt as though their doctor made sure they understood their conditions.
Das Fazit der Studie lautete:
The use of metaphors and analogies may enhance physicians' ability to communicate.
2.  Originelle Autoren vermeiden Klischeewörter

Metaphern, die besonders gut funktionieren, erfreuen sich im Laufe der Zeit immer größerer Beliebtheit, bis sie eines Tages verblasst, ausgelutscht und abgenutzt sind. Sprich sie sind farblos und fade und haben ihre Schlagkraft verloren.

Wer Interessantes mitzuteilen hat oder lebendige Geschichten schreiben will, sollte solche Ausdrücke meiden wie die Pest. (Das ist eine Meta-Floskel, denn verschiedene Autoren haben sie mit einem Augenzwinkern in Texten über Klischeewörter eingesetzt. Tut mir leid, ich konnte nicht widerstehen.)

3. Floskeln helfen, wenn viele Menschen etwas schnell verstehen sollen

Wenn man andererseits möglichst vielen Personen etwas möglichst schnell und verständlich mitteilen möchte, sind Floskeln meines Erachtens durchaus ein geeignetes Mittel. Zum Beispiel bei Hörfunknachrichten können sie hin und wieder als Kürzel funktionieren. Etwas von ihrer Bildkraft haben sich nämlich selbst Klischees wie absegnen, durchwinken und der berühmt-berüchtigte wackelnde Stuhl erhalten.

Weitere Schreibtipps finden Sie in meinem Büchlein


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Freitag, 8. August 2014

Noch ein Vorteil des Selbstveröffentlichens

Ich miste gerade alte Aktenordner aus. Manche davon enthalten Anleitungen dazu, wie man Exposees und Anschreiben verfasst, um seine Ideen Agenturen, Verlagen u. A. (etwa bei einem Drehbuch) schmackhaft zu machen.

Damit,
- diese Regeln zu lernen
und
- Exposees in kürzerer oder längerer Form (je nachdem, was gewünscht ist) immer wieder umzuformulieren ebenso wie die entsprechenden Anschreiben,
kann man eine Menge Zeit vertun.

Denken Sie nur an die 40 oder 100 Absagen, die manche berühmte Schriftsteller und Schriftstellerinnen angeblich kassiert haben. Dass dadurch auch Jahre und Jahrzehnte ins Land gehen können, bis ein Text seine Leser findet und umgekehrt, sei nur am Rande erwähnt.

Als Indie dagegen mache ich vor dem Schreiben nur einen Plan, der mir helfen soll, mich zu orientieren. Der muss nicht gut aussehen oder auf den Punkt formuliert sein. Manche planen gar nichts, manche, wie ich einiges, manche sehr ausführlich. Aber immer auf eine Art, wie sie für uns nützlich ist. Erscheint das Buch, dann entwerfen wir dazu noch eine kurze Beschreibung, damit zukünftige Leser wissen, was sie erwartet. Das war's.

Statt immer neue Exposees und Briefe an Verlage etc. können wir Indies weitere Geschichten zu Papier beziehungsweise auf den Bildschirm bringen :-)

Sonntag, 3. August 2014

Stephen Fry über Sprachspaßverderber

Vor einigen Wochen habe ich darüber gebloggt, dass ich, wenn es um korrekte Sprache geht, vieles inzwischen gelassener sehe: Einige Gedanken zur Rechtschreibung.Was ich dort nicht erwähnt habe, ist, dass dies in vielerlei Hinsich gilt, auch für "neumodische" Wörter oder für einen "nicht korrekten" Gebrauch mancher Begriffe.

Stephen Fry hat das alles natürlich schon längst verstanden und in weit eindrucksvollerer Weise formuliert. Ihn selbst über dieses Thema in seiner unverwechselbaren Art sprechen zu hören, ist ein besonderer Genuss:


Wer lieber liest, findet ein langen Post zu diesem Thema in Frys Blog: Don't mind your language... Die betreffende Passage beginnt etwa in der Mitte des Texts beginnt mit den Worten "For me, it is a cause of some upset ..."
Viel Spaß beim Hören und Lesen von Stephen Fry und beim Spielen mit Sprache!
For me, it is a cause of some upset
For me, it is a cause of some upset
For me, it is a cause of some upset

Freitag, 25. Juli 2014

Wie ich meine eigenen Schreibwiderstände überwinde -- eine Geschichte in Bildern

Aller Anfang ist schwer -- das sagt man nicht ohne Grund.

Es ist wieder so weit. Ich sitze an meinem zweiten Thriller und wie beim ersten werde und werde ich nicht fertig. Dafür gibt es gute Gründe, schließlich muss und will ich mit Artikeln und Schreibworkshops meinen Lebensunterhalt verdienen. Da bleibt manchmal nicht viel Zeit oder Kraft für anderes. Außerdem handelt es sich wieder um eine komplexe Geschichte, die meine Heldin in verschiedene Länder führt, die von politischen und anderen Zusammenhängen handelt, die ich nicht einfach so erfinden kann, sondern recherchieren muss, und die vermutlich wieder mehr als 500 Seiten umfassen wird.

Es ist aber auch so, dass ich das Schreiben zu häufig hinausschiebe (auf Neudeutsch: ich prokrastiniere). Das heißt, besonders schwer fällt es mir, die Datei zu öffnen und mit dem Schreiben zu beginnen. Was nicht so ungewöhnlich ist. Vielen geht es so. Deshalb möchte ich in diesem Post erklären, wie ich es in den letzten Wochen geschafft, endlich wieder besser voranzukommen.

1. habe ich mir einen kleinen Kalender ausgedruckt und darin die Tage abgehakt, an denen ich an meinem Roman und zwischenzeitlich auch an meinem kürzeren Krimi Lisa, Ben und Tim gearbeitet habe. So sieht der Kalender aus (das Foto ist schon etwas älter):


Die Idee dahinter nennt sich Don't break the chain. Man möchte eine möglichst lange, ununterbrochene Kette von Tagen erzeugen, an denen man an dem betreffenden Projekt gearbeitet hat. Wie Sie sehen können, wirkt das auf mich nur mit Einschränkungen motivierend. Auch wenn der Juni und Juli besser aussehen, habe ich nicht wirklich Probleme damit, Gründe zu finden, die Kette zu unterbrechen.

2. habe ich den Umstand genutzt, dass ich in Cafés besonders gut und konzentriert schreiben kann und dass ein Grund dafür vermutlich die Hintergrundgeräusche sind. Um Zeit und Geld zu sparen, habe ich das Café ins Haus geholt. Das Internet macht's möglich.


Ich setze Kopfhörer auf und höre dank Coffitivity die Stimmen und andere Töne in einem Campuscafé.Weitere Geräusche gibt's zum Beispiel hier, hier und hier.

3. Als weiteres Signal, mit dem Schreiben zu beginnen, stelle ich mir einen Küchenwecker. Und zwar soll er nach 15 Minuten klingeln.


Nur ein Viertelstündchen lang will ich mich zwingen, meine Geschichte weiterzuspinnen. Warum nur so kurz? Weil ich die Methode Kleine Schritte anwende, die ich hier im Blog vor einiger Zeit bereits beschrieben habe.

4. habe ich mich aber auch für 15 Minuten entschieden, weil ich mir einen weiteren Trick bei Samantha Bennett abgeschaut und sogar auf eine Karteikarte geklebt habe:


Was mir immer wieder hilft, etwaige innere Widerstände zu überwinden, ist der zweite Teil von Samanthas Rat: "and play around ... in a light, fun, beta-testing sort of a way". Der Gedanke, nur spielen zu wollen, vertreibt jeglichen (Erfolgs)Druck. Auch darüber gibt es bereits einen Post in diesem Blog.

Mein Fazit: Auf dem Kalender bleiben immer mal Tage oder auch eine Woche oder mehr unabgehakt. Für mich funktionieren starre, strenge Maßnahmen wie "Don't break the chain" nicht so gut. Sie reizen mich eher zum Widerspruch und Widerstand.
Was sich besser bewährt, ist ein flexibler Ansatz, eine Mischung aus der Macht der Gewohnheit (halbwegs regelmäßig, aber nicht zwangsläufig täglich zu schreiben), kleinen Schritten und dem Gedanken, einfach ein wenig mit meinen Ideen und Geschichten zu spielen. Dann schreibe ich letztlich nicht nur eine Viertelstunde, sondern so gut wie immer längere Zeit, oft sogar Stunden.
Hintergrundgeräusche sind ganz nett und ein Signal, mit dem Schreiben zu beginnen, aber nicht entscheidend.
Was ich schließlich noch (erneut) entdeckt habe, nämlich mit Hilfe meines Krimis Lisa, Ben und Tim: Wenn sich eine Geschichte dem Ende zuneigt, brenne ich von ganz allein darauf, sie fertigzustellen und kann auf Tricks aller Art verzichten. Der Wunsch, die Geschichte zuendezuerzählen, reicht als Motivation völlig aus :-)

Falls Sie noch mehr darüber wissen möchten, wie Sie Schreibwiderstände und -ängste überlisten und überwinden können, empfehle ich meine Büchlein
Schluss mit Schreibblockaden -- 12 erprobte Methoden
und
Schluss mit Schreibblockaden 2: Noch mehr erprobte Methoden
oder den günstigeren Doppelband, von dem es auch eine Print-Version gibt:  


Dienstag, 15. Juli 2014

Alles kostenlos

Immer wieder melden sich Menschen zu Wort, die die Kostenlos-Kultur im Internet beklagen. Ich gehöre nicht dazu.

Erstens bin ich überzeugt, dass viele (die meisten?) durchaus bereit sind, für Inhalte zu zahlen, wenn sie ihnen wichtig sind, sie den Preis als fair empfinden und wenn man ihnen das Bezahlen leicht macht.

Zweitens -- und jetzt kommen wir zum Grund für diesen Post -- nutze ich selbst gerne und häufig Kostenloses im Internet. Wie viele Anregungen, Informationen und Anleitungen habe ich nicht schon im weltweiten Netz gefunden.

Deshalb gebe ich gerne zurück, sprich: stelle selbst gratis Inhalte zur Verfügung. Wie in diesem Blog und in meinen beiden anderen: Mehr wissen, besser leben und Ingrid Glomp: Krimis. Mein Blog Schreibhandwerk, das Sie gerade besuchen, enthält jede Menge Schreibtipps.

Aber Sie hätten es sicher gerne etwas einfacher, denn Sie möchten sich nicht durch die verschiedenen Rubriken wühlen. Daher folgt hier eine kleine Aufstellung von Angeboten, die Sie interessieren könnten:

- Aus den Posts dieses Blogs lassen sich kleine Schreibkurse zusammenstellen. Ich habe sie in diesem Post aufgelistet. Oder Sie folgen den Labels zu Themen, die Sie interessieren, etwa Über Schwieriges schreiben oder meine Erfahrungen als Indie-Autorin.

- Den kleinen Anfängerkurs über das Schreiben von Kurzgeschichten, der auf Posts hier im Blog basiert, finden Sie außerdem bei akademie.de (Teil 1). Hier geht's zu Teil 2 und Teil 3. (Ich glaube übrigens, dass sich dieser kleine Kurs auch für Schüler und für den Schulunterricht oder entsprechende AGs eignet.)

- Ebenfalls kostenlos online: Ein Auszug aus meinem Buch "Gut und verständlich schreiben in zehn einfachen Schritten" (zwei Kapitel plus Checkliste für gute und verständliche Texte).

- Aus demselben Buch gibt es die ersten drei Kapitel als Leseprobe.

- Die Checkliste für gute und verständliche Texte finden Sie außerdem hier im Blog.

(Nachtrag vom 16.7.2014: Gerade habe ich in meinem Krimiblog einen entsprechenden Post veröffentlicht: Alles kostenlos.)

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Freitag, 27. Juni 2014

Die Tücken geschlechtergerechten Schreibens

Vor ein paar Jahren habe ich in diesem Blog schon einmal über geschlechtergerechte Sprache geschrieben. Ein an sich lobenswertes Ansinnen, dessen konsequente Umsetzung im Deutschen jedoch der Quadratur des Kreises gleicht. Denn sie ist unmöglich, zumindest wenn der Text nicht gänzlich unlesbar sein soll.

Sollen wir wirklich schreiben: Gästinnen und Gäste? Oder -- analog zu den Studierenden -- die Bedienten (wenn ein Kellner oder eine Bedienung ins Spiel kommen)? Wie lautet die korrekte männliche Form von Fachkraft oder Person (gerecht ist gerecht)?

In den letzten Tagen stieß ich auf zwei Beispiele, wo weniger mehr gewesen wäre. Wo es mit anderen Worten besser gewesen wäre, man hätte nicht versucht, weibliche Formen miteinzubauen.

Beispiel 1: Gerade eben las ich in einem kurzen Text u. a. diesen Satz:
Der Arbeitgeber von Welt weiß, dass sein wichtigstes Kapital, nämlich seine Mitarbeiter*innen, sich dort [bei Facebook] hochproduktiv austauschen.
Nun, liebe Klasse, was ist daran problematisch? Der Schreiber (ich verwende hier das generische Maskulinum, weil ich nicht weiß, ob es ein Mann oder eine Frau war) wollte vermutlich geschlechtergerecht formulieren, ahnte jedoch, dass eine konsequente Umsetzung lächerlich wirken würde. Was dann passiert ist, ist verräterisch und schlimmer, als wenn er oder sie nie die weibliche Form verwendet hätte.
Der Arbeitgeber von Welt weiß, dass sein wichtigstes Kapital, nämlich seine Mitarbeiter*innen, sich dort hochproduktiv austauschen.
Soso, der Arbeitgeber von Welt ist also männlich, seine Mitarbeiter können aber auch weiblich sein? Hier werden althergebrachte Verhältnisse mit den Mitteln der politischen Korrektheit zementiert. Ich gehe davon aus, dass dies nicht bewusst geschah. Doch gerade dann spricht es für sich beziehungsweise für das Weltbild des/der Schreibenden. Stimmt's?

Es gibt, wie gesagt keine perfekte Lösung. Ich verwende in meinen Texten meist verschiedene Methoden. Mehr dazu in meinem früheren Post. Passend zum obigen Fall hier ein Auszug daraus (ich wollte mich immer schon mal selbst zitieren):

Meine pragmatische Lösung sieht so aus: Wenn ich befürchte, dass eine althergebrachte Sichtweise den Blick auf die gleichberechtigte Realität verstellt, erwähne ich zu Anfang eines Artikels (und wenn er länger ist, auch noch einmal mitten drin) zum Beispiel Ärztinnen und Ärzte, Justizminister und Justizministerinnen der Länder oder Professorinnen und Professoren. Eine durchgehende Erwähnung beider Geschlechter in dieser Form hält jedoch kein Text aus, ohne bizarr zu wirken. 

Da manche offenbar Schwierigkeiten haben, bei "Arbeitgeber" auch Frauen vor ihren inneren Augen erscheinen zu lassen, wäre es möglicherweise angebracht gewesen zu schreiben "Arbeitgeber*innen von Welt wissen".

Kommen wir zu Beispiel 2:

Kürzlich fand ich auf einer Website den Ausdruck "unsere Mitglieder/innen".

Dieser Begriff ist nicht nur unschön. (Würden Sie in einem Gespräch das Wort Mitgliederinnen benutzen?) Eine genaue Analyse zeigt auch, dass hier jemand über das Ziel hinausgeschossen ist. Der Singular lautet nämlich das Mitglied. Es gab also gar keinen Grund, dem armen Wort eine so sperrige Pluralform aufzuzwingen.

Kurz: Ehe Sie zu (manchmal nur scheinbar) politisch korrekten, aber schwer lesbaren Formulierungen greifen, überprüfen Sie, ob das überhaupt nötig und in welcher Form es sinnvoll ist. Gehirn und kritisches Denken an -- das ist auch beim Schreiben hilfreich ;-)

Nachtrag vom 12.8.14: Beispiel 3:

Die Bundesregierung will Hoteliers und Wirt*innen von der Störerhaftung befreien.

Wenn also die weibliche Form bei den Wirten erwähnt wird, nicht aber bei den Hoteliers, bedeutet das, dass nur männliche Hoteliers gemeint sind? Nach den Regeln der Logik: ja. Natürlich weiß ich, wie das zustande gekommen ist. Der Schreiber (die Schreiberin?) wusste nicht, wie man die weibliche Form von der Hotelier bildet. Ich weiß es auch nicht und ich kann übrigens auch keine männliche Form von die Fachkraft bilden. Statt seufzend zu sagen: "Ok, dann betrachten wir eben alles als generisches Maskulinum", hat er oder sie eine vermurkste Mischform konstruiert. Die ist unschön, unlogisch und lässt außerdem so manchen Leser völlig vergessen, worum es eigentlich geht, weil man sich ganz andere Gedanken macht. Womit das eigentliche Ziel des Schreibens verfehlt wird: Eine Botschaft möglichst klar und reibungslos zu vermitteln.

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Dienstag, 17. Juni 2014

Kurt Vonnegut hat gesagt ...

In der Einleitung zu dem Buch Armageddon in Retrospect zitiert Mark Vonnegut seinen Vater Kurt so:
If you can’t write clearly, you probably don’t think nearly as well as you think you do.
Als jemand, der verständliches Schreiben lehrt und sich selbst darum bemüht, kann ich Kurt Vonnegut nur zustimmen. Häufig ist ein Text oder eine Passage unklar, weil man nicht genau durchdacht hat, was man sagen will.
Die Voraussetzung für einen präzisen Schreibstil sind präzise Gedanken. 
Das ist meine sinngemäße Übersetzung von dem, was Kurt Vonnegut gesagt hat. Sie dürfen mich gerne zitieren ;-)

Mehr Zitate zu diesem Thema:
 

Dienstag, 10. Juni 2014

Schreiben über Wissenschaft -- einige kluge Gedanken zu diesem Thema von Steven Pinker

Im September erscheint ein neues Buch von Steven Pinker mit dem vielversprechenden (oder vollmundigen?) Titel The Sense of Style: The Thinking Person's Guide to Writing in the 21st Century.
Im Vorfeld hat der Psychologe sich bei Edge zu einigen der im Buch behandelten Themen geäußert. Mehrere Aussagen, die ich besonders wichtig und hilfreich finde, habe ich drüben bei Google+ zitiert. Bei Interesse einfach dem Link folgen :-)

Sonntag, 1. Juni 2014

Zwei Probleme in einem Satz

Kürzlich las ich in einer Zeitung einen Satz, der gar nicht so besonders lang, aber dennoch irgendwie schwer zu erfassen war. Ich habe ihn hier etwas abgeändert, um einfacher zeigen zu können, was ich meine.
Das Stadttheater brachte ein neues Stück über den Auf- und Untergang des ägyptischen Herrschers Echnaton zur Aufführung. 
Mein erster Gedanke war: Irgendetwas klemmt da. Ahnen Sie, was? Das Problem ist der Ergänzungsstrich.
Das Stadttheater brachte ein neues Stück über den Auf- und Untergang des ägyptischen Herrschers Echnaton zur Aufführung. 
Ersetzen wir einmal den Strich durch das Wort, für das er unseren Sprachkonventionen gemäß steht. Dann erhalten wir Aufgang und Untergang. Aufgang des ägyptischen Herrschers? Auch wenn Echnaton die Sonne zum über alle anderen Götter herrschenden Gott erhob -- Aufgang passt hier nicht. Gemeint war vermutlich Aufstieg. Wir haben es hier mit einem falschen Bezug aufgrund einer nicht zulässigen Verkürzung zu tun. S. mein Post Hier wird's holprig.

Formen wir also um:
Das Stadttheater brachte ein neues Stück über den Aufstieg und Untergang des ägyptischen Herrschers Echnaton zur Aufführung. 
So richtig gut gefällt mir dieser Satz aber noch nicht. Der Grund: Die Formulierung zur Aufführung bringen  ist unnötig lang und geschwollen.
Das Stadttheater brachte ein neues Stück über den Aufstieg und Untergang des ägyptischen Herrschers Echnaton zur Aufführung.
Außerdem sind Substantive (Aufführung) statisch, Verben (aufführen) dagegen haben Power.  S. z. B. mein Post Die Streichung von -ung. Wir schreiben also besser:
Das Stadttheater führte ein neues Stück über den Aufstieg und Untergang des ägyptischen Herrschers Echnaton auf. 
Allerdings sind jetzt die beiden Teile des Prädikats etwas weit voneinander entfernt.
Das Stadttheater führte ein neues Stück über den Aufstieg und Untergang des ägyptischen Herrschers Echnaton auf.
Nach meinem Gefühl ist das in diesem Fall gerade noch vertretbar. Man könnte aber auch grammatikalisch nicht ganz korrekt das auf vorziehen:
Das Stadttheater führte ein neues Stück auf über den Aufstieg und Untergang des ägyptischen Herrschers Echnaton.
Manche stört ein solcher Satzbau jedoch. Deshalb formulieren wir ein weiteres Mal um. Z. B. so:
Das Stadttheater führte ein neues Stück auf, das vom Aufstieg und Untergang des ägyptischen Herrschers Echnaton handelt.
Wir könnten auch aus dem einen Satz zwei machen. Beim Schreiben gibt es meist nicht die eine richtige Lösung. Vieles lässt sich auf unterschiedliche Art gut formulieren. Und manches ist letztlich eine Frage des Geschmacks. Des eigenen und des Geschmacks der Leser.

Betrachten wir den alten und den neuen Satz noch einmal im direkten Vergleich. Welchen finden Sie leichter lesbar?

Vorher:
Das Stadttheater brachte ein neues Stück über den Auf- und Untergang des ägyptischen Herrschers Echnaton zur Aufführung.
Nachher:
Das Stadttheater führte ein neues Stück auf, das vom Aufstieg und Untergang des ägyptischen Herrschers Echnaton handelt*. 
Wie Sie sehen, kann man bereits in das Schreiben bzw. Überarbeiten eines einzigen Satzes eine Menge Arbeit stecken ;-)

Mehr Beispiele dieser Art finden Sie hier im Blog sowie in meinem Büchlein


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*Man kann auch schreiben handelte. Dann würde man das Erlebnis an dem betreffenden Abend in den Mittelpunkt stellen. Verwenden wir die Gegenwartsform (Präsens) und schreiben handelt, dann machen wir eine allgemeine Aussage über das betreffende Theaterstück. Es ist also eine Frage der Perspektive.

Samstag, 31. Mai 2014

Margaret Drabble sagt ...

... in diesem Interview im Guardian auf die Frage

What advice would you give a young writer?
Stick at it. It's very important to finish a novel rather than begin lots of new ones. You learn a lot just from getting to the end.

Donnerstag, 22. Mai 2014

Einige Gedanken zur Rechtschreibung

Vor Kurzem wurde in einer Autorengruppe bei Facebook, zu der ich gehöre, eine Rechtschreibfrage diskutiert. Ich glaube es ging darum, ob man rarmachen getrennt oder zusammen schreibt. Und natürlich sprach man darüber, was der Duden dazu sagt. Ich glaube, der Fragestellerin gefiel dessen Schreibweise nicht.

Ich habe das nicht weiter verfolgt. Aber mir ist aus diesem Anlass wieder bewusst geworden, dass ich bei meinem eigenen Schreiben die Dinge inzwischen entspannter sehe. Wenn ich als Journalistin Texte für Auftraggeber verfasse, bemühe ich mich, sie "dudenfest" zu machen. Schreibe ich aber auf eigene Verantwortung, wie hier oder in meinen Krimis, die ich ohne Verlag veröffentliche, dann bin ich großzügiger, wenn es darum geht, was erlaubt ist und was nicht.

Das hat auch etwas damit zu tun, dass ich mich vor einiger Zeit für einen meiner Workshops mit den Regeln im Englischen beschäftigt habe. Und dabei entdeckte, dass diese viel individueller und fließender sind als diejenigen in unserer Sprache. Schreibt man die Wörter in der Überschrift eines Artikels groß? Beziehungsweise welche schreibt man groß und welche nicht? Das hängt von den Vorgaben der einzelnen Zeitschrift ab. Manchmal heißt es, dieses oder jenes wird im britischen Englisch so, im amerikanischen jedoch so gehandhabt. Meist jedoch mit der Einschränkung tendenziell.

Zurück zu meinen Texten. In meinem Thriller Ohne Skrupel habe ich zum Beispiel nicht das W bei russischen Begriffen verwendet, sondern das V. Warum? Letztlich weil mir Vodka und Vlad besser gefallen als Wodka und Wlad. Und was ist passiert?

Hat sich mein Text aufgelöst und ist verschwunden?

Nein, ich habe ja kein Naturgesetz ignoriert.

Kam die Rechtschreibpolizei und hat mich verhaftet?

Nein, denn ich habe auch gegen keine gesetzliche Bestimmung der Bundesrepublik Deutschland verstoßen.

Bei den Regeln des Dudens handelt es sich lediglich um Konventionen, auf die sich irgendwelche Gremien geeinigt haben. Manches etwa entstand durch die letzte Rechtschreibreform. Die FAZ folgte den Regeln zunächst nicht, ihre Texte waren trotzdem lesbar. (Nur für manche Journalisten wurde es vielleicht schwieriger zu wissen, wo sie was wie schreiben sollten.)

Wie außerdem jeder wissen dürfte, sind eine Menge Vorgaben des Duden alles andere als konsequent und logisch. Mein Lieblingsbeispiel: Wir sollen schreiben die beiden, der Einzelne, die meisten/Meisten. Warum? Keine Ahnung. Auch beim Duden versteht man jedoch, dass es sich bei Schreibweisen eben nicht um Naturgesetze handelt, und so sind in vielen Fällen verschiedene "erlaubt".

Meine eigene neue Gelassenheit bedeutet nun nicht, dass meine Rechtschreibung wie Kraut und Rüben durcheinandergeht. Habe ich mich einmal für eine Schreibweise in einem Text entschieden, verwende ich sie durchgehend -- oder versuche es zumindest. Denn ein Hin und Her könnte Leser irritieren oder sogar ärgern. Und das will ich auf keinen Fall, denn die Leser sollen sich auf die Inhalte konzentrieren und am besten gar nicht wahrnehmen, wie ich diese niedergeschrieben habe.

Meine Rechtschreibregel für Texte, die ausschließlich ich selbst verantworte, lautet deshalb: Erlaubt ist, was mir und (mutmaßlich) der Mehrzahl meiner Leser gefällt -- oder Letztere zumindest nicht übermäßig stört.

Montag, 19. Mai 2014

Sagen Sie es, wie es ist

Eine spezielle Form von überflüssigen Wörtern sind lange Einleitungen, Drumrumgerede in der Fachsprache ;-)

Hier ein Beispiel:

Es muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass dieses Ergebnis nicht signifikant war.

Sie machen es Ihren Lesern leichter, wenn Sie auf solche Einleitungen verzichten und sofort zur Sache kommen.

Es muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass dieses Ergebnis nicht signifikant war.

Daraus wird

Dieses Ergebnis war allerdings nicht signifikant. 

Gewundene Formulierungen mit „es …, dass …“ kann man oft streichen. „Es ist bekannt, dass …“ „Es konnte gezeigt werden, dass …“ Gewöhnlich reicht es, wenn man die Erkenntnis, das Ergebnis nennt.

Solche Floskeln sind zum Beispiel in der Wissenschaft beliebt, blähen einen Satz jedoch nur unnötig auf und schwächen die eigentliche Botschaft ab. Dasselbe gilt übrigens im Englischen. 

Denken Sie dran:

Hauptsachen gehören in den Hauptsatz. 

Vorher:

Es lässt sich nicht leugnen (dies ist der Hauptsatz), dass der deutsche Meister dieses Spiel verdient gewonnen hat (dies der Nebensatz)

Nachher:

Der deutsche Meister hat dieses Spiel verdient gewonnen. (Hauptsatz)


Weitere Posts zum Thema überflüssige Wörter finden Sie hier

Streichen, streichen, streichen!

und hier

Leere Kalorien: Füllwörter.


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Samstag, 10. Mai 2014

David McCullough sagt ...

David McCullough ist ein amerikanischer Non-Fiction-Autor und u. a. zweimaliger Pulitzer-Preisträger.

In einem Interview sagte er:
Writing is thinking. To write well is to think clearly. That's why it's so hard.
Friedrich Nietzsche sah das ähnlich, s. dieses Zitat.

Als Kontrast sozusagen, nämlich dazu, was geschieht, wenn man nicht klar formuliert, s. mein voriger Post.

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Dienstag, 6. Mai 2014

Wissenschaft: Jargonreiche Sprache öffnet Betrug Tür und Tor

Vor Kurzem las ich im Ottawa Citizen einen bemerkenswerten Artikel. (Was wären wir ohne das Internet?!) Der Titel: Blinded by scientific gobbledygook. Worum es in dem Beitrag geht, erklärt der Untertitel: Bad chemistry: How fake research journals are scamming the science community.

Was ich im Hinblick auf die Themen meines Blogs -- gutes und verständliches Schreiben -- interessant finde, ist folgender Punkt, ein Nebenschauplatz, aber ein wichtiger: Es fällt so leicht, gefakete wissenschaftliche Paper in zwielichtigen Journals zu veröffentlichen, weil auch echte, seriöse Artikel oft in einer solch undurchdringlichen Sprache geschrieben sind, dass sich ihr Sinn kaum erfassen lässt.

Und so nimmt man vieles für bare Münze, wenn es nur schwierig genug formuliert ist. Denn ob es sich um hochkomplexe Forschung, tiefsinnige Gedanken oder aber Wortmüll handelt, lässt sich nicht beurteilen, weil man es nicht versteht.

Tom Spears, der Autor des Artikels, zitiert Mark McDayter, einen Englischprofessor von der University of Western Ontario, so:
he says academics write such dense jargon in such specialized fields that almost no one can understand them. This makes their research hard to evaluate.
“The other problem is that scholarly writing is just dreadful and has become more and more dreadful over the past 10 years or so,” he points out. 
Was bedeutet das für ehrbare Wissenschaftler? Sie sollten sich bemühen, möglichst klar und einfach zu schreiben,
  • damit möglichst viele Menschen verstehen können, was sie so Wichtiges herausgefunden haben (Duh! möchte man auf Neudeutsch sagen),
  • damit sie leichter mit Kollegen aus anderen Forschungsbereichen (interdisziplinär lautet das Stichwort) zusammenarbeiten können, s. Wissenschaftler verzichtet auf Fachchinesisch!,
  • und damit sich Betrüger nicht mehr mit einem Wust von Fremdwörtern und gewundenen Sätzen tarnen können, sondern diese Ausdrucksweise sie vielmehr entlarvt.
Wie man es schafft, gut und verständlich zu schreiben, darüber habe ich hier immer wieder gebloggt. In Rubriken wie Grundlagen und Über Schwieriges einfach schreiben. Weitere sachdienliche Hinweise enthalten einige meiner Schreibratgeber ;-)

(Ergänzung vom 24.2.2016) Passt zum Thema: Academic Drivel Report. Lesenswert -- aber auch erschreckend!

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Donnerstag, 27. März 2014

David Baldacci sagt ...

In einem Interview wurde David Baldacci kürzlich gefragt:
What advice would you give to an aspiring author? 
Seine Antwort, die mir aus der Seele spricht:
Don’t write what you know about, write what you’d like to know about. And never chase trends. Don’t write about dinosaurs because Crichton did, or codes because Brown did. Write something you’re passionate about and want to learn more about. Have fun with it. Don’t treat it as a job. Exercise your imagination, treat it like a game.
Was mir besonders gefällt, ist seine Aufforderung, das Schreiben spielerisch anzugehen (treat it like a game). Warum? U. a. weil mir bei der Recherche für einen Artikel erst so richtig bewusst geworden ist, wie wichtig eine spielerische Haltung bei der Arbeit und anderen Tätigkeiten ist. S. mein Post Jetzt in Gänze online: Mein Artikel über Sinn und Nutzen des Spielens.

Donnerstag, 20. März 2014

Kris Rusch erklärt, warum sie so gerne Kurzgeschichten schreibt

Kristine Kathryn Rusch nennt es Üben, ich nenne es Ausprobieren. Beide sprechen wir über einen Vorteil, den das Schreiben von Kurzgeschichten hat. Hier die amerikanische Autorin:
I use short stories as practice. ... Sometimes I practice a historic milieu. Sometimes I practice a character. Sometimes I practice a technique. If the short story doesn’t work, I’m out a few hours (or a week) of my time. If the novel doesn’t work, then I’m out several months.
Mehr dazu in Ruschs Post.

Ich habe, wie gesagt, auch schon über dieses Thema geschrieben, und zwar unter dem Titel Dinge, die ich in meinen Kurzkrimis ausprobiert habe.

Sie haben eine Idee für einen neuen Roman, eine neue Figur, neue Welten? Vielleicht sollten Sie zuerst mit einer Kurzgeschichte eine Probefahrt machen :-)

Dienstag, 18. März 2014

Joan Didion sagt ...

Das folgende Zitat stammt aus einem Paris Review Interview mit Joan Didion. Der Titel: The Art of Nonfiction No. 1.
Writing nonfiction is more like sculpture, a matter of shaping the research into the finished thing.
Genau so empfinde ich meine Arbeit an längeren Artikeln, z. B. an diesem für Psychologie Heute.

Joan Didion fährt fort:
Novels are like paintings, specifically watercolors. Every stroke you put down you have to go with. Of course you can rewrite, but the original strokes are still there in the texture of the thing.
Das kann ich weder bestätigen noch kann ich widersprechen. Es scheint mir nicht der beste Vergleich zu sein, es fällt mir aber auch kein geeigneterer ein. Das Schreiben eines Romans lässt sich jedenfalls nicht mit dem Schaffen einer Skulptur vergleichen. Da gebe ich Didion Recht.

Hier die Bücher von Joan Didion für die, die mehr von ihr lesen möchten.

Auf Deutsch:




Auf Englisch:


Dienstag, 11. März 2014

George Orwell hat geschrieben ...

In seinem vielzitierten Essay Politics and the English Language stellte George Orwell unter anderem fest: 
Bad writers, and especially scientific, political, and sociological writers, are nearly always haunted by the notion that Latin or Greek words are grander than Saxon ones, and unnecessary words like expedite, ameliorate, predict, extraneous, deracinated, clandestine, subaqueous, and hundreds of others constantly gain ground from their Anglo-Saxon numbers.
Das, was Orwell über guten Stil sagte, ist nach wie vor richtig, wichtig und lesenswert.

Sonntag, 9. März 2014

Was verbindet das und? Missverständnisse vermeiden und Lesern die (Denk)Arbeit abnehmen

Gerade las ich in einem Blogpost darüber, welche Themen Zeitungsleser bevorzugen, dies:
The Toronto Star’s readers might have had enough fun sharing Rob Ford stories. Instead, they’re getting excited about health benefits of red wine and unpaid interns. 
Nach dem zweiten Satz stutzte ich und las ihn erneut. Ging es Ihnen auch so? Dort stand:
Instead, they’re getting excited about health benefits of red wine and unpaid interns. 
Das Problem: Mein Gehirn verband automatisch die Dinge, die sich direkt links und rechts von dem and befinden, die bei genauem Nachdenken und erneutem Lesen jedoch nicht zusammengehören. Es verstand
Instead, they’re getting excited about health benefits of red wine and unpaid interns
Das and verbindet jedoch
Instead, they’re getting excited about health benefits of red wine and unpaid interns
Dabei lässt sich diese Unklarheit ganz einfach vermeiden, indem wir ein Wort einfügen:
Instead, they’re getting excited about health benefits of red wine and about unpaid interns. 
Jetzt ist es eindeutig und beim ersten Lesen klar, was das and verbindet.

Noch ein Beispiel gefällig? Gestern las ich:
Diese ethnologische Studie stützt sich auf Beobachtungen von Geschehnissen und Interviews.
Hier zögerte ich ebenfalls einen winzigen Moment, wenn sich auch das Verstehen schneller einstellte als beim ersten Beispiel.

Verbindet das und die benachbarten Substantive?
Diese ethnologische Studie stützt sich auf Beobachtungen von Geschehnissen und Interviews.
Nein, es verbindet natürlich:
Diese ethnologische Studie stützt sich auf Beobachtungen von Geschehnissen und Interviews.
Machen Sie es Ihren Lesern leicht und schreiben Sie:
Diese ethnologische Studie stützt sich auf Beobachtungen von Geschehnissen und auf Interviews.
Sie sehen: Kleines Wort, große Wirkung. Gerade wenn Sie, zum Beispiel als Wissenschaftler, über komplizierte Sachverhalte schreiben, sollten Sie jede Gelegenheit nutzen, Ihren Lesern (Denk)Arbeit zu ersparen. Ihre Texte sind vermutlich auch so schon schwierig genug ;-)

Weitere Tipps finden Sie in meinem Buch:


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Mittwoch, 5. März 2014

Laura Levine sagt ...

Laura Levine ist die Autorin einer Krimireihe, deren Heldin den beinahe literarischen Namen Jaine Austen trägt. In einem Interview sprach sie darüber, wie wichtig Selbstvertrauen für Autoren ist.
In my humble op, the important thing for any writer is to keep writing, and never let herself be paralyzed by self-doubt. When I first started out in show biz, I had a wonderful mentor who told me, “Laura, everything stinks at the beginning. Just keep writing. You can always come back and fix it later.” And it’s so true. Writers are often assailed with doubts at the beginning of a project, and allow their inner critic to stymie them. But if you just keep plugging ahead, the more your confidence builds and the easier the process becomes. 
Hier geht's zu Laura Levines Krimis:


Donnerstag, 27. Februar 2014

Edna O'Brien hat gesagt ...

Zu der Vorstellung, dass man Bücherschreiben nebenbei betreiben kann, hier mal ein bisschen, dann eine Woche später wieder ein bisschen:
You can't work on a book one day a week. It's like a toddler off out into the street: you can't find it again.
Überhaupt ist Schreiben kein Kinderspiel. In demselben Interview sagt O'Brien:
It's very hard to get the truth in it, and the sheen on it.
Nun, sie kann offensichtlich mit Sprache umgehen.

Ihre Bücher auf Deutsch:


und auf Englisch:


Sonntag, 23. Februar 2014

Ein Satz -- drei Probleme

Dieser Post erscheint in meiner Reihe "Über Schwieriges einfach schreiben". Nun behandelt der folgende Satz zwar kein schwieriges Thema, er weist jedoch Probleme auf, die ihn schwer verständlich machen. Und dieselben Probleme finde ich auch immer wieder in Texten von Experten, die über komplizierte Zusammenhänge schreiben. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, ihn hier zu analysieren und Verbesserungsvorschläge zu machen.

Schauen wir uns den Beispielsatz einmal an:

Seit Yvonne Catterfelds medienwirksamem Ausscheiden aus der Fernseh-Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten unter paralleler Verlautbarung ihrer Konzentration auf die Gesangskarriere konnte die während ihres knapp zweistündigen Gastspiels stets etwas spröde wirkende Erfurterin mit der fundierten Ausbildung an der Leipziger Musikhochschule ihre Bekanntheit erstaunlicherweise noch steigern. 

Dieser Satz ist so verknotet und dicht formuliert, dass es kaum möglich ist, ihn auf Anhieb zu verstehen.

Beginnen wir mit der Analyse.

1. ist dieser Satz einfach sehr, sehr lang. Er besteht aus 45 Wörtern und 342 Zeichen (ohne Leerzeichen). In seiner Stilfibel bezeichnet Ludwig Reiners Sätze ab 31 Wörtern als sehr schwer verständlich. Eine schlimmere Kategorie kennt er nicht.

Außerdem -- und das ist sozusagen ein Unterproblem, das man in vielen langen Sätzen findet -- sind die Abstände zwischen Artikel und Substantiv und den beiden Teilen des Prädikats viel zu groß.

Seit Yvonne Catterfelds medienwirksamem Ausscheiden aus der Fernseh-Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten unter paralleler Verlautbarung ihrer Konzentration auf die Gesangskarriere konnte die während ihres knapp zweistündigen Gastspiels stets etwas spröde wirkende Erfurterin mit der fundierten Ausbildung an der Leipziger Musikhochschule ihre Bekanntheit erstaunlicherweise noch steigern.

So große Spannen kann unser Gedächtnis nur mit großer Mühe überbrücken und sie sind der Hauptgrund dafür, dass man manche Sätze mehrmals lesen muss, bevor man sie versteht.

2. wimmelt besonders der erste Teil des Satzes von sperrigen Substantiven.

Seit Yvonne Catterfelds medienwirksamem Ausscheiden aus der Fernseh-Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten unter paralleler Verlautbarung ihrer Konzentration auf die Gesangskarriere konnte die während ihres knapp zweistündigen Gastspiels stets etwas spröde wirkende Erfurterin mit der fundierten Ausbildung an der Leipziger Musikhochschule ihre Bekanntheit erstaunlicherweise noch steigern.

In drei der (statischen) Substantive verbergen sich (dynamische) Verben, die man herausholen sollte.

3. entspricht die Reihenfolge des Satzes nicht der zeitlichen Abfolge der Ereignisse. Das erschwert das Verständnis und macht den Lesern unnötig Arbeit.

Seit Yvonne Catterfelds medienwirksamem Ausscheiden aus der Fernseh-Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten unter paralleler Verlautbarung ihrer Konzentration auf die Gesangskarriere konnte die während ihres knapp zweistündigen Gastspiels stets etwas spröde wirkende Erfurterin mit der fundierten Ausbildung an der Leipziger Musikhochschule ihre Bekanntheit erstaunlicherweise noch steigern.

Reihenfolge: 1. 2. 3. 4.

Beginnen wir mit dem Umschreiben. Dabei ordnen wir die einzelnen Sätze entsprechend der Chronologie der Ereignisse an.

mit der fundierten Ausbildung an der Leipziger Musikhochschule

Daraus wird

Yvonne Catterfeld erhielt in ihrer Jugend eine fundierte Ausbildung an der Leipziger Musikhochschule.

Ergänzt habe ich in ihrer Jugend. Den Namen habe ich aus dem zweiten Teil vorgezogen.

Im zweiten Satz (bestehend aus Teil zwei und drei) wandele ich die betreffenden drei Substantive in Verben um.

Seit Yvonne Catterfelds medienwirksamem Ausscheiden aus der Fernseh-Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten unter paralleler Verlautbarung ihrer Konzentration auf die Gesangskarriere ...  konnte ihre Bekanntheit erstaunlicherweise noch steigern. 

Seit sie medienwirksam aus der Fernseh-Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten ausschied und gleichzeitig verkündete, sich auf ihre Gesangskarriere konzentrieren zu wollen, konnte sie ihre Bekanntheit erstaunlicherweise noch steigern. 

Aus verlauten lassen habe ich verkünden gemacht und aus parallel das einfachere deutsche Wort gleichzeitig.

Schließlich habe ich die Erfurterin in den letzten Satz verlegt und dabei das Substantiv unmittelbar auf den Artikel folgen lassen, so, wie es sich gehört.

die während ihres knapp zweistündigen Gastspiels stets etwas spröde wirkende Erfurterin 

Während ihres knapp zweistündigen Gastspiels wirkte die Erfurterin allerdings etwas spröde.

Ergänzt habe ich im neu entstandenen Satz das Wort allerdings.

Hier noch einmal der direkte Vergleich.

Vorher:

Seit Yvonne Catterfelds medienwirksamem Ausscheiden aus der Fernseh-Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten unter paralleler Verlautbarung ihrer Konzentration auf die Gesangskarriere konnte die während ihres knapp zweistündigen Gastspiels stets etwas spröde wirkende Erfurterin mit der fundierten Ausbildung an der Leipziger Musikhochschule ihre Bekanntheit erstaunlicherweise noch steigern. (1 Satz, 45 Wörtern, 342 Zeichen)

Nachher:

Yvonne Catterfeld erhielt in ihrer Jugend eine fundierte Ausbildung an der Leipziger Musikhochschule. Seit sie medienwirksam aus der Fernseh-Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten ausschied und gleichzeitig verkündete, sich auf ihre Gesangskarriere konzentrieren zu wollen, konnte sie ihre Bekanntheit erstaunlicherweise noch steigern. Während ihres knapp zweistündigen Gastspiels wirkte die Erfurterin allerdings etwas spröde. (3 Sätze, 52 Wörter, 372 Zeichen)

Wir lernen aus diesem Beispiel zweierlei.

Erstens: Manchmal ist mehr mehr. Das heißt, manchmal müssen wir mehr Worte machen, um uns verständlich auszudrücken. Zum Beispiel, wenn wir statt Substantiven Verben verwenden möchten.

Zweitens: Oft hapert es bei einem Satz nicht nur an einer Sache. Sprich: komplizierte Sätze lassen sich nicht auf einen Schlag umschreiben. Hilfreich ist es in solchen Fällen, die Probleme vorher zu analysieren.

Und schließlich möchte ich darauf hinweisen, dass wir es beim Schreiben nicht mit Naturgesetzen zu tun haben. Das heißt, wenn wir etwas umschreiben und verbessern, gibt es normalerweise nicht die eine richtige Lösung, sondern es sind mehrere Varianten denkbar. Je nach Geschmack, Zielgruppe ...

Wer noch mehr darüber lernen möchte, wie man übersichtliche Sätze baut, wird zum Beispieln in diesem Post fündig:

Haben Ihre Texte Bandwurmsätze?

Über die leidigen Substantivierungen habe ich zum Beispiel hier geschrieben:

Kampf der nominalen Verdichtung

Wer noch mehr über gutes und verständliches Schreiben lernen möchte, dem empfehle ich meine Schreibratgeber