Freitag, 27. Juni 2014

Die Tücken geschlechtergerechten Schreibens

Vor ein paar Jahren habe ich in diesem Blog schon einmal über geschlechtergerechte Sprache geschrieben. Ein an sich lobenswertes Ansinnen, dessen konsequente Umsetzung im Deutschen jedoch der Quadratur des Kreises gleicht. Denn sie ist unmöglich, zumindest wenn der Text nicht gänzlich unlesbar sein soll.

Sollen wir wirklich schreiben: Gästinnen und Gäste? Oder -- analog zu den Studierenden -- die Bedienten (wenn ein Kellner oder eine Bedienung ins Spiel kommen)? Wie lautet die korrekte männliche Form von Fachkraft oder Person (gerecht ist gerecht)?

In den letzten Tagen stieß ich auf zwei Beispiele, wo weniger mehr gewesen wäre. Wo es mit anderen Worten besser gewesen wäre, man hätte nicht versucht, weibliche Formen miteinzubauen.

Beispiel 1: Gerade eben las ich in einem kurzen Text u. a. diesen Satz:
Der Arbeitgeber von Welt weiß, dass sein wichtigstes Kapital, nämlich seine Mitarbeiter*innen, sich dort [bei Facebook] hochproduktiv austauschen.
Nun, liebe Klasse, was ist daran problematisch? Der Schreiber (ich verwende hier das generische Maskulinum, weil ich nicht weiß, ob es ein Mann oder eine Frau war) wollte vermutlich geschlechtergerecht formulieren, ahnte jedoch, dass eine konsequente Umsetzung lächerlich wirken würde. Was dann passiert ist, ist verräterisch und schlimmer, als wenn er oder sie nie die weibliche Form verwendet hätte.
Der Arbeitgeber von Welt weiß, dass sein wichtigstes Kapital, nämlich seine Mitarbeiter*innen, sich dort hochproduktiv austauschen.
Soso, der Arbeitgeber von Welt ist also männlich, seine Mitarbeiter können aber auch weiblich sein? Hier werden althergebrachte Verhältnisse mit den Mitteln der politischen Korrektheit zementiert. Ich gehe davon aus, dass dies nicht bewusst geschah. Doch gerade dann spricht es für sich beziehungsweise für das Weltbild des/der Schreibenden. Stimmt's?

Es gibt, wie gesagt keine perfekte Lösung. Ich verwende in meinen Texten meist verschiedene Methoden. Mehr dazu in meinem früheren Post. Passend zum obigen Fall hier ein Auszug daraus (ich wollte mich immer schon mal selbst zitieren):

Meine pragmatische Lösung sieht so aus: Wenn ich befürchte, dass eine althergebrachte Sichtweise den Blick auf die gleichberechtigte Realität verstellt, erwähne ich zu Anfang eines Artikels (und wenn er länger ist, auch noch einmal mitten drin) zum Beispiel Ärztinnen und Ärzte, Justizminister und Justizministerinnen der Länder oder Professorinnen und Professoren. Eine durchgehende Erwähnung beider Geschlechter in dieser Form hält jedoch kein Text aus, ohne bizarr zu wirken. 

Da manche offenbar Schwierigkeiten haben, bei "Arbeitgeber" auch Frauen vor ihren inneren Augen erscheinen zu lassen, wäre es möglicherweise angebracht gewesen zu schreiben "Arbeitgeber*innen von Welt wissen".

Kommen wir zu Beispiel 2:

Kürzlich fand ich auf einer Website den Ausdruck "unsere Mitglieder/innen".

Dieser Begriff ist nicht nur unschön. (Würden Sie in einem Gespräch das Wort Mitgliederinnen benutzen?) Eine genaue Analyse zeigt auch, dass hier jemand über das Ziel hinausgeschossen ist. Der Singular lautet nämlich das Mitglied. Es gab also gar keinen Grund, dem armen Wort eine so sperrige Pluralform aufzuzwingen.

Kurz: Ehe Sie zu (manchmal nur scheinbar) politisch korrekten, aber schwer lesbaren Formulierungen greifen, überprüfen Sie, ob das überhaupt nötig und in welcher Form es sinnvoll ist. Gehirn und kritisches Denken an -- das ist auch beim Schreiben hilfreich ;-)

Nachtrag vom 12.8.14: Beispiel 3:

Die Bundesregierung will Hoteliers und Wirt*innen von der Störerhaftung befreien.

Wenn also die weibliche Form bei den Wirten erwähnt wird, nicht aber bei den Hoteliers, bedeutet das, dass nur männliche Hoteliers gemeint sind? Nach den Regeln der Logik: ja. Natürlich weiß ich, wie das zustande gekommen ist. Der Schreiber (die Schreiberin?) wusste nicht, wie man die weibliche Form von der Hotelier bildet. Ich weiß es auch nicht und ich kann übrigens auch keine männliche Form von die Fachkraft bilden. Statt seufzend zu sagen: "Ok, dann betrachten wir eben alles als generisches Maskulinum", hat er oder sie eine vermurkste Mischform konstruiert. Die ist unschön, unlogisch und lässt außerdem so manchen Leser völlig vergessen, worum es eigentlich geht, weil man sich ganz andere Gedanken macht. Womit das eigentliche Ziel des Schreibens verfehlt wird: Eine Botschaft möglichst klar und reibungslos zu vermitteln.

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Dienstag, 17. Juni 2014

Kurt Vonnegut hat gesagt ...

In der Einleitung zu dem Buch Armageddon in Retrospect zitiert Mark Vonnegut seinen Vater Kurt so:
If you can’t write clearly, you probably don’t think nearly as well as you think you do.
Als jemand, der verständliches Schreiben lehrt und sich selbst darum bemüht, kann ich Kurt Vonnegut nur zustimmen. Häufig ist ein Text oder eine Passage unklar, weil man nicht genau durchdacht hat, was man sagen will.
Die Voraussetzung für einen präzisen Schreibstil sind präzise Gedanken. 
Das ist meine sinngemäße Übersetzung von dem, was Kurt Vonnegut gesagt hat. Sie dürfen mich gerne zitieren ;-)

Mehr Zitate zu diesem Thema:
 

Dienstag, 10. Juni 2014

Schreiben über Wissenschaft -- einige kluge Gedanken zu diesem Thema von Steven Pinker

Im September erscheint ein neues Buch von Steven Pinker mit dem vielversprechenden (oder vollmundigen?) Titel The Sense of Style: The Thinking Person's Guide to Writing in the 21st Century.
Im Vorfeld hat der Psychologe sich bei Edge zu einigen der im Buch behandelten Themen geäußert. Mehrere Aussagen, die ich besonders wichtig und hilfreich finde, habe ich drüben bei Google+ zitiert. Bei Interesse einfach dem Link folgen :-)

Sonntag, 1. Juni 2014

Zwei Probleme in einem Satz

Kürzlich las ich in einer Zeitung einen Satz, der gar nicht so besonders lang, aber dennoch irgendwie schwer zu erfassen war. Ich habe ihn hier etwas abgeändert, um einfacher zeigen zu können, was ich meine.
Das Stadttheater brachte ein neues Stück über den Auf- und Untergang des ägyptischen Herrschers Echnaton zur Aufführung. 
Mein erster Gedanke war: Irgendetwas klemmt da. Ahnen Sie, was? Das Problem ist der Ergänzungsstrich.
Das Stadttheater brachte ein neues Stück über den Auf- und Untergang des ägyptischen Herrschers Echnaton zur Aufführung. 
Ersetzen wir einmal den Strich durch das Wort, für das er unseren Sprachkonventionen gemäß steht. Dann erhalten wir Aufgang und Untergang. Aufgang des ägyptischen Herrschers? Auch wenn Echnaton die Sonne zum über alle anderen Götter herrschenden Gott erhob -- Aufgang passt hier nicht. Gemeint war vermutlich Aufstieg. Wir haben es hier mit einem falschen Bezug aufgrund einer nicht zulässigen Verkürzung zu tun. S. mein Post Hier wird's holprig.

Formen wir also um:
Das Stadttheater brachte ein neues Stück über den Aufstieg und Untergang des ägyptischen Herrschers Echnaton zur Aufführung. 
So richtig gut gefällt mir dieser Satz aber noch nicht. Der Grund: Die Formulierung zur Aufführung bringen  ist unnötig lang und geschwollen.
Das Stadttheater brachte ein neues Stück über den Aufstieg und Untergang des ägyptischen Herrschers Echnaton zur Aufführung.
Außerdem sind Substantive (Aufführung) statisch, Verben (aufführen) dagegen haben Power.  S. z. B. mein Post Die Streichung von -ung. Wir schreiben also besser:
Das Stadttheater führte ein neues Stück über den Aufstieg und Untergang des ägyptischen Herrschers Echnaton auf. 
Allerdings sind jetzt die beiden Teile des Prädikats etwas weit voneinander entfernt.
Das Stadttheater führte ein neues Stück über den Aufstieg und Untergang des ägyptischen Herrschers Echnaton auf.
Nach meinem Gefühl ist das in diesem Fall gerade noch vertretbar. Man könnte aber auch grammatikalisch nicht ganz korrekt das auf vorziehen:
Das Stadttheater führte ein neues Stück auf über den Aufstieg und Untergang des ägyptischen Herrschers Echnaton.
Manche stört ein solcher Satzbau jedoch. Deshalb formulieren wir ein weiteres Mal um. Z. B. so:
Das Stadttheater führte ein neues Stück auf, das vom Aufstieg und Untergang des ägyptischen Herrschers Echnaton handelt.
Wir könnten auch aus dem einen Satz zwei machen. Beim Schreiben gibt es meist nicht die eine richtige Lösung. Vieles lässt sich auf unterschiedliche Art gut formulieren. Und manches ist letztlich eine Frage des Geschmacks. Des eigenen und des Geschmacks der Leser.

Betrachten wir den alten und den neuen Satz noch einmal im direkten Vergleich. Welchen finden Sie leichter lesbar?

Vorher:
Das Stadttheater brachte ein neues Stück über den Auf- und Untergang des ägyptischen Herrschers Echnaton zur Aufführung.
Nachher:
Das Stadttheater führte ein neues Stück auf, das vom Aufstieg und Untergang des ägyptischen Herrschers Echnaton handelt*. 
Wie Sie sehen, kann man bereits in das Schreiben bzw. Überarbeiten eines einzigen Satzes eine Menge Arbeit stecken ;-)

Mehr Beispiele dieser Art finden Sie hier im Blog sowie in meinem Büchlein


Grundregeln des verständlichen Schreibens können Sie mit diesem Workshop in Buchform lernen:


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*Man kann auch schreiben handelte. Dann würde man das Erlebnis an dem betreffenden Abend in den Mittelpunkt stellen. Verwenden wir die Gegenwartsform (Präsens) und schreiben handelt, dann machen wir eine allgemeine Aussage über das betreffende Theaterstück. Es ist also eine Frage der Perspektive.