Montag, 29. September 2014

"Aktiv" - ein beliebtes Füllwort

Um die Herausforderungen der digitalen Welt zu verstehen, muss man sich aktiv mit den Möglichkeiten digitaler Medien beschäftigen. 

Mit leckeren Gerichten den Cholesterinspiegel aktiv senken 

Solche Sätze und Überschriften lese ich in letzter Zeit häufig.

Und was man nicht alles aktiv unterstützen kann oder soll (einfach mal googeln): den Tierschutz, den Fellwechsel, Musikschulen, die Krebstherapie, Qualitätsmanagement und den Friedensdialog in Kolumbien, um nur einige -- sicher allesamt sinnvolle -- Dinge zu nennen

Ich frage mich immer: Warum muss man erwähnen, dass diese Handlungen aktiv erfolgen? Wenn ich etwas tue, bin ich dann nicht automatisch aktiv?

Aktiv explizit zu nennen, ergibt nur einen Sinn, wenn dem etwas Passives gegenübersteht: bei aktiven und passiven Mitgliedschaften zum Beispiel oder ebensolchen Impfungen.

Ich weiß, aktiv signalisiert scheinbar Tatkraft. Doch es verhält sich mit diesem Adverb so ähnlich wie mit dem Wort erfolgreich, über das ich schon gebloggt habe: Ändert sich der Sinn eines Satzes nicht, wenn Sie es weglassen, dann streichen Sie es. Und beobachten Sie, wie dies Ihre Aussage wider Erwarten stärkt.

Montag, 22. September 2014

MOOC-Tipp: English Grammar and Style

Heute startet der MOOC (Massive Open Online Course) English Grammar and Style der University of Queensland, Australia. Ich weiß nicht, wie es wird und ob ich Zeit habe, ernsthaft teilzunehmen. Ich werde auf alle Fälle einmal die ersten Videos anschauen und wenn mir gefällt, was ich sehe, werde ich vielleicht intensiver mitmachen.

Darum geht's:
Learn how to use a knowledge of how words work to write in the style that readers value and that the university and the professions require.

About this Course
In the time-starved Internet world, where everyone’s a writer and everyone’s a reader, the demand for literacy is more intense than it has ever been. The ability to articulate ideas in smart, tight writing is crucial. Write101x will enable you to learn how words work so that you can write the concise, lucid, nuanced, and compelling prose that is so valued by readers. By providing you with a thorough grounding in grammar, syntax, and style, the course will sharpen and solidify your writing and editing competence and self-confidence. 
Wer wie ich manchmal auf Englisch schreibt (und unterrichtet), profitiert sicher von einem solchen Kurs. Vielleicht bekommt man sogar Tipps für einen besseren Schreibstil, die sich auch im Deutschen anwenden lassen. Wir werden sehen ...

Wer jetzt neugierig ist, bitte hier lang:  English Grammar and Style

Mittwoch, 17. September 2014

Beispiel für eine gute Einleitung (Wissenschaftliches Schreiben)

Ich unterrichte nicht nur verständliches Schreiben für Wissenschaftler und andere Experten. Ich gebe auch Kurse für wissenschaftliches Schreiben für Studenten. Ein Hauptaspekt ist dabei der Aufbau einer (naturwissenschaftlichen) Veröffentlichung.

Andererseits arbeite ich auch als Wissenschaftsjournalistin und lese im Zuge meiner Recherchen eine Menge Veröffentlichungen. Jetzt ist es mir zum ersten Mal passiert, dass ich etwas gefunden habe, das sich so sehr als gutes Beispiel für meinen Kurs eignet, dass es mir sofort aufgefallen ist. Obwohl mich ja eigentlich ganz andere Dinge beschäftigten.

Entdeckt habe ich es in dieser Veröffentlichung aus Israel: Posttraumatic Growth and Posttraumatic Distress: A Longitudinal Study (der Link führt direkt zum PDF). Geschrieben haben den Artikel Sharon Dekel, Tsachi Ein-Dor und Zahava Solomon.

Was mir so überaus gut gefällt, ist der Aufbau der Einleitung (Introduction). Lesen Sie selbst:
There are two seemingly opposing notions concerning the ramifications of trauma. The first, which is widely held, postulates that trauma has a pathogenic effect. Traumatic events jeopardize physical and psychological equilibrium giving rise to a wide range of physical and mental health complications. A considerable body of empirical research lends support to this view, documenting increased rates of posttraumatic stress disorder (PTSD), depression, anxiety, somatization, and alcoholism (e.g., Breslau, Davis, Andreski, & Peterson, 1991; Kessler, Sonnega, Bromet, & Hughes, 1995).

An alternative perspective proposes that trauma has a salutogenic effect. Individuals can develop a positive outlook and further experience positive psychological changes in the wake of traumatic events (e.g., Tedeschi & Calhoun, 2004). In line with currently prevalent positive psychology theory (Seligman & Csikszentmihalyi, 2000) and earlier salutogenic models (Antonovsky, 1979), survivors may gain psychological benefits. The commonly held term, posttraumatic growth (PTG), (Tedeschi & Calhoun, 1996) signifies that the individual has transformed in new ways that go beyond his or her pretrauma level of psychological functioning. This entails increase in personal strength, relational intimacy, sense of spirituality, appreciation of life, and life possibilities. Not undermining the pathogenic impact of trauma, recently, a growing body of studies has consistently revealed PTG reported by survivors following various physical and psychological traumas (see Calhoun & Tedeschi, 2006; Linley & Joseph, 2004, for reviews).

As both salutogenic and pathogenic trauma outcomes have been documented, an imperative issue is how they relate. While there has been a proliferation of research on the subject, as evident in a recent meta-analysis reporting 77 studies (see Helgeson et al., 2006, for a review), the relation of growth to distress is still ill-defined. The aim of this longitudinal study is to shed light on the interplay between PTG and PTSD by examining their directional (i.e., temporal) relation.
Und jetzt das Ganze im Detail. Am besten springen Sie gleich zu den Erklärungen unter diesem Text.
There are two seemingly opposing notions concerning the ramifications of trauma. The first, which is widely held, postulates that trauma has a pathogenic effect. Traumatic events jeopardize physical and psychological equilibrium giving rise to a wide range of physical and mental health complications. A considerable body of empirical research lends support to this view, documenting increased rates of posttraumatic stress disorder (PTSD), depression, anxiety, somatization, and alcoholism (e.g., Breslau, Davis, Andreski, & Peterson, 1991; Kessler, Sonnega, Bromet, & Hughes, 1995).

An alternative perspective proposes that trauma has a salutogenic effect. Individuals can develop a positive outlook and further experience positive psychological changes in the wake of traumatic events (e.g., Tedeschi & Calhoun, 2004). In line with currently prevalent positive psychology theory (Seligman & Csikszentmihalyi, 2000) and earlier salutogenic models (Antonovsky, 1979), survivors may gain psychological benefits. The commonly held term, posttraumatic growth (PTG), (Tedeschi & Calhoun, 1996) signifies that the individual has transformed in new ways that go beyond his or her pretrauma level of psychological functioning. This entails increase in personal strength, relational intimacy, sense of spirituality, appreciation of life, and life possibilities. Not undermining the pathogenic impact of trauma, recently, a growing body of studies has consistently revealed PTG reported by survivors following various physical and psychological traumas (see Calhoun & Tedeschi, 2006; Linley & Joseph, 2004, for reviews).
As both salutogenic and pathogenic trauma outcomes have been documented, an imperative issue is how they relate. While there has been a proliferation of research on the subject, as evident in a recent meta-analysis reporting 77 studies (see Helgeson et al., 2006, for a review), the relation of growth to distress is still ill-defined. The aim of this longitudinal study is to shed light on the interplay between PTG and PTSD by examining their directional (i.e., temporal) relation.
Der Aufbau und was mir daran gefällt im Einzelenen:

1. Er folgt dem klassischen Schema Was weiß man?  Was weiß man nicht? Unser Ziel.

2. Ebenfalls klassisch ist es, erst über Bekanntes, leichter Verständliches zu schreiben. Es geht vom Allgemeinen, den meisten Lesern Vertrauten (erster Absatz, PTSD), zum Speziellen, neuen (zweiter Absatz, PTG). Auch die einzelnen Absätze beginnen mit einer allgemeinen Aussage im ersten Satz (s. dazu der Punkt Thesensatz in diesem Post), auf die weitere Einzelheiten und Erklärungen folgen.

3. Die Autoren verwenden einen Trick, um das Verstehen zu erleichtern. Der erste Satz der Introduction gibt den Lesern Orientierung, indem er ankündigt, dass sie ein Gegensatz von erstens und zweitens erwartet. Was die Autoren auch explizit so bennen: The first und An alternative. Diese Wörter signalisieren gleichzeitig, wo der jeweilige (neue) Aspekt beginnt. Dadurch finden wir uns leichter zurecht.

Könnte man an der Sprache noch feilen, sie zum Beispiel hier und da vereinfachen? Sicher. Der Aufbau dieser Einleitung ist jedoch vorbildlich in seiner Kürze und Klarheit.

Mittwoch, 3. September 2014

Lassen Sie Ihre Leser nicht im Unklaren, verwenden Sie konkrete, spezifische Begriffe

Diesen Post schreibe ich ganz spontan, sozusagen aus aktuellem Anlass.

Ich arbeite im Moment an einem Artikel und lese in einem Buch, das mir als Quelle dient:
Personality characteristics, such as extraversion or openness to experience, may influence the likelihood of subsequent growth ...
Aha. Soso. Ahnen Sie, was mich stutzen lässt? Genau, das Wort "influence". Bestimmte Eigenschaften "beeinflussen" das persönliche Wachstum. Beeinflussen? Ich ahne, dass die Autoren meinen "fördern". Dass also Offenheit zum Beispiel gut ist. "Beeinflussen" kann aber auch in die entgegengesetzte Richtung wirken. Es könnte also sein, dass die genannten Charakteristika das Wachstum behindern.

Was tue ich also als gewissenhafte Journalistin? Ich muss weiterrecherchieren und vielleicht bis zur ursprünglichen wissenschaftlichen Veröffentlichung zurückgehen. Seufz.

Wäre ich eine einfache Leserin des Buchs und aufmerksam, wüsste ich nicht, was gemeint ist, und bliebe ratlos zurück. Würde ich den Text überfliegen, könnte es sein, dass ich zufällig tatsächlich verstehe, was gemeint ist. Vielleicht glaubte ich aber auch nur zu verstehen und das Gegenteil von dem, was ich mir merke, ist der Fall.

Und nur weil die Autoren ein allgemeines Verb verwendet haben, nämlich "beeinflussen", statt eines spezifischen. (Anmerkung: Manchmal ist "beeinflussen" natürlich präzise genug. Aber nicht in diesem Fall.)